Sea Kayaking auf Vancouver Island

Vancouver Island ist schuld. Zum Beispiel daran, dass ich jetzt verrückt nach Glamping bin. Und daran, dass ausgerechnet ich ab sofort gerne überall Sea Kayaking machen möchte (und sogar mit einer mehrtägigen Expedition liebäugele). Und noch an ein paar anderen Dingen. Warum Sea Kayaking? Weil es für mich die perfekte Art ist, die raue Westküste bei Ucluelet und Tofino mit ihren zig unbewohnten Inselchen und fjordartigen Inlets zu erkunden (und übrigens auch viele andere Küsten und Inseln auf der Welt!).

Nicht, dass ich wüsste, was man macht, wenn auf einmal Wellen kommen. Oder wenn man rausfällt. Ich habe eigentlich keine Ahnung vom Kajaken, und das ist zugleich das Schöne daran: Man setzt sich einfach rein und paddelt los. Denn dann sieht die Welt auf einmal so aus:

Sea kayaking barkley sound ucluelet pacific rim

Das allererste Mal in meinem Leben in ein Kajak gestiegen bin ich hier auf Vancouver Island, in Tofino, und seitdem war klar: Sollte ich jemals wieder hierher kommen, tu ich’s wieder. Im Nachbarörtchen Ucluelet schlage ich also früh morgens bei Majestic Ocean Kayaking auf, wo ich mit Neopren-Schuhen, Schwimmweste, einer Drybag für meine Kamera und einer wasser- und winddichten Jacke ausgestattet werde.

Die Kajaks sind schon unten am Wasser, wo unsere beiden Guides eine erste kurze Einweisung geben. Dann geht’s schon los: reinsteigen, das Neopren-Röckchen als Wasserschutz über die Sitzöffnung hieven und lospaddeln. Ja, genau, direkt im kleinen Hafen von Ucluelet, vorbei an Fischerbooten, unter der Mole hindurch und hinaus Richtung offenes Meer.

Kajak Ucluelet Vancouver Island

Wer denkt, er müsse sich nun als Voll-Amateur im winzigen Kajak über den offenen Pazifik kämpfen, irrt. Hier entlang des Pacific Rim gibt es Buchten voller kleiner, urwaldüberwucherter Inselchen, zwischen denen man ohne Stress und geschützt vor den Gewalten des offenen Pazifiks dahinpaddeln kann. Die meisten Inseln sind wild und unbewohnt, manche sind den örtlichen Indianerstämmen heilig, dienten als Begräbnisstätten oder Orte für Initiationsriten. Wer Glück hat, kann an den schmalen Ufern und kleinen Stränden sogar Bären sehen, die Muscheln fressen.

Ruhe. Wildnis. Natur pur.

Weißkopfseeadler Bald Eagle Vancouver Island Kanada

Hier im Barkley Sound ist das Meer glatt und das Paddeln easy, denn wir lassen uns von den Meeresströmungen mitziehen. An der Wasseroberfläche treiben große röhrenartige Pflanzen – Bull Kelp, eine extrem schnell wachsende Seetang-Art (wie ich neulich von der Seaweed Lady gelernt habe).

Unter uns sind riesige Kelp-Wälder (Kelp Forests), über die wir im Kajak hinweggleiten, manchmal schwimmen Fische und elegant-filigrane Quallen unter dem Kajak hindurch. Über uns fliegen Weißkopfseeadler (Bald Eagles) – alleine auf dem Weg vom Hafen in den Barkley Sound sehe ich bestimmt zehn von ihnen. Ihre Nester thronen hoch über dem Wasser in Baumwipfeln – perfekt vom Kajak aus zu beobachten. (Ich bin mir sicher, sie beobachten uns auch.)

Sea Kayaking Westküste Vancouver Island

Wir paddeln näher an die Küste, an den Felsen entlang. Bei Ebbe kleben dort überall bunte Seesterne. Sogar Seehunde sehen wir – mal faul auf Felsen liegend, mal einfach einen Kopf, der lustig aus dem Wasser herauspoppt und guckt.

Im flacheren Wasser sieht man Seeanemonen, Muschelbänke, Seetang, der zum Teil im Wasser fluoresziert und schillert. Mir als Flachlandtirolerin erscheint das Meer ja in erster Linie als suspekter und potenziell feindlicher Lebensraum, an den ich mich erst auf Reisen langsam heranwage. Es ist faszinierend. Und doch habe ich den allergrößten Respekt und kann nur hoffen, dass ich nicht aus dem Kajak und in das 13 Grad kalte Wasser mit dem Schlingpflanzenwald und den seltsamen Kreaturen plumpse (Spoiler: Es passiert nicht).

Seesterne Vancouver Island Sea Stars Westküste

Seestern Sea Star

Ich bin im Zweierkajak mit unserem Guide Ben und lasse mir detailliert erzählen, wie er sogar Lachse vom Kajak aus fängt (und killt). Ich gebe zu, in meinem ganzen Leben noch keinen einzigen Fisch gefischt zu haben (beim Eisfischen in Lappland versagte ich ja kläglich) und werde erst mal kräftig ausgelacht („Wie, du hast noch nie einen Fisch gefangen??“) Sowas erscheint einem Kanadier eben total abwegig.

Vor lauter Gucken und Reden sitzen wir auf einmal auf dem felsigen Grund auf, doch mit Hilfe der Paddel können wir uns zum Glück wieder befreien. Wir nehmen sicherheitshalber Kurs auf tieferes Gewässer (praktisch: mit Sea Kayaks kann man per Fußpedale lenken!), bevor wir zum Mittagessen auf einer Insel an einem kleinen Strand anlanden.

Westküste Vancouver Island Ucluelet Kajaken InselStrand Ucluelet Vancouver Island Kanada Barkley SoundBarkley Sound Ucluelet Vancouver Island

Dort gibt es Bagels und hausgemachte Limonade, und nach dem Lunch schlagen wir uns in den Wald und erkunden dort die Trails. Und NATÜRLICH verlieren wir uns – Ben und ich stehen auf einmal alleine da. Und natürlich bohrt sich irgendwas durch seine Crocs in seinen Fuß und auf einmal saftet überall Blut raus. Und NATÜRLICH will er mir Angst machen, dass das jetzt die Bären anlockt und wir nicht mehr zurück finden.

Doch ich hab keine, weil ich weiß, in welche Richtung die Kajaks sind und weil ich die Bärenscheiße und die Spuren im Wald gesehen habe und die waren schon älter (Haha! Soll noch mal einer sagen, die Großstadttussi kennt sich nicht aus!). Nur die anderen, die müssen wir erst mal wiederfinden.

Regenwald Vancouver Island Westküste

Nachdem wir alle irgendwann wieder zurück am Strand sind, machen wir uns im Kajak auf den Rückweg. Ob es hier so nah an der Küste Wale gibt, will ich von Ben wissen (ja). Und ob er schon mal einen Wal vom Kajak aus gesehen hat (nein, noch nie).

Wir durchqueren gerade eine größere Bucht. Und dann passiert es: Zu unserer Rechten sehen wir auf einmal eine Fontäne aus dem Wasser spritzen und hören das charakteristische, pustende Geräusch dazu. OMG DA IST EIN WAL!!!

Und dann taucht er auf. Ich sehe erst seinen riesigen, grauen und mit Seepocken bewachsenen Rücken, bevor er beim Abtauchen die Schwanzflosse ganz aus dem Wasser hebt. Wie im Film. Meine Hand fummelt (vergeblich) nach der Drybag mit der Kamera, während meine Augen einfach nur noch hinstarren können. Niemand denkt mehr ans Paddeln. Es ist ein Buckelwal, und er ist nur 30 m von meinem Kajak entfernt!!!

Der Adrenalinflash geht noch weiter, nachdem er abgetaucht ist. Wo ist er? Ist er etwa unter uns?? Wo wird er wieder auftauchen? In ein paar Minuten muss er wieder atmen!

Als er schließlich wieder auftaucht, ist er schon ein ganzes Stück weiter Richtung offenes Meer geschwommen, vermutlich unter uns hindurch. In der Ferne sehen wir seine Atemfontäne noch ein paar Mal aufsteigen.

Schade, dass ich in dem Moment keine Kamera zur Hand hatte, doch in meinem Kopf ist dieser Moment eingebrannt, für immer.

Majestic Ocean Kayaking Vancouver Island KajaktourKurz nachdem ich dieses Bild schoss, passierte es…

Danke Majestic Ocean Kayaking für den tollen Tag (ich glaube ja immer noch, dass ihr den Wal extra für mich besorgt habt). Vielen Dank auch an Destination BC, Condor und Canusa, die meine Reise nach BC unterstützt haben. Alle Ansichten sind meine eigenen.

7 Comments

  • Mimi says:

    Ein Wal auf eurer ersten Kajaktour? Klingt sehr abenteuerlich! Diese Woche waren erst zwei Couchsurferinnen bei mir aus Vancouver zu Besuch. Soll wirklich ein sehr schöner Ort mit vielfältigen Landschaften sein. Mein nächster Trip geht definitiv dahin.

    Liebe Grüße,
    Mimi

    • Susi says:

      Hallo Mimi, Danke – Vancouver kann ich nur empfehlen – und dann mit Abstecher nach Vancouver Island zum Sea Kayaking! 😉 Mich zieht es auf jeden Fall wieder zurück!

  • Jens says:

    Toll! Toll, toll, toll, toll! Spannender Bericht und sehr schöne Photos. Ja, wenn man einmal Paddelluft geschnuppert hat, kann und will man nicht mehr zurück, nicht wahr? Ist mir bis heute eine der liebsten Arten des Wanderns. 😉

    Und dann auch noch der Wal. Musste schmunzeln, als ich von Deinem vergeblichen Photo-Versuch gelesen hatte – denn genau so ging’s mir auch: Wow, ein Wal! Wow! Man kann den Blick gar nicht abwenden. Äh … hat jemand ein Photo gemacht? Muss ja zugeben, dass mir zunächst ein wenig bange war, als die Wale sich mit winkender Fluke verabschiedeten und abtauchten. Gucken die eigentlich nach oben, bevor sie wieder raufkommen? Und was mögen sie von diesen komischen kleinen bunten Plastikrobben (so ähnlich habe ich mir den ANblick unserer Kajaks aus Walperspektive vorgestellt 😀 ) an der Oberfläche halten?

    Ganz toller Bericht jedenfalls, vielen Dank.

    (Falls es interessiert, hier finden sich ein paar Notizen zu meinen letzten Paddelabenteuern:

    http://vagabondslog.com/2014/03/05/tracking-vikings-southern-greenland-by-kayak

    http://bucketlistpublications.org/2015/01/25/the-other-arctic-circle-cruise-kayaking-among-icebergs)

    Grüße und immer eine Handbreit Wasser zwischen Wal und Kiel,
    Jens

    • Susi says:

      Vielen vielen Dank! Ja, ich befürchte, ich bin jetzt angefixt – neues Sea Kayaking muss her!! So eine Natur-Begegnung wie mit dem Wal in freier Wildbahn ist einfach unglaublich und durch nichts zu ersetzen… In Grönland zu paddeln wäre auf jeden Fall ein echter Traum (ansonsten nehm ich auch sehr gerne wieder Kanada.). 😉

  • Charis says:

    Die Seesterne sind klasse!
    Und um den Wal beneide ich Dich auch. Schöner Bericht.
    Macht Reiselaune!
    Danke dafür.

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