Vancouver Island: Sooke und die Seetang-Frau

„You can try it if you want“, sagt sie und hält mir ein Stück hin. Es ist grün und glibschig, und sie hat es einfach so vom Strand aufgelesen, der jetzt zur Ebbe übersät ist mit Seetang und Algen und kleinen Pfützen aus Meerwasser, mit Seeanemonen drin und kleinen Krebsen hier und da.

Zugegeben – leicht widerwillig strecke ich die Hand aus – es IST grün und glibschig, und es sondert gallertartiges Zeug ab. ‚Was soll’s – ich probier ja alles mal aus‘ denke ich mir dann, stecke es einfach mal in den Mund und kaue vorsichtig-skeptisch darauf herum.

Seaweed am Strand Sooke Vancouver Island KanadaSeaweed Seetang Algen essen

essbarer Seetang Seaweed Vancouver Island Sooke

 

Überraschenderweise schmeckt es gar nicht so schlecht – ein bisschen wie aufgeweichter Salat, leicht salzig. (Kein Wunder, es lag eben noch in einer Meerwasserpfütze und wurde nicht abgespült).

Es ist der zweite Kontakt mit Seetang in meinem Leben seit Irland, und ich schätze, man sieht es mir an: Sie lacht.

Ihr Name ist Amanda und man nennt sie auch die Seaweed Lady.

Amanda Seaweed Lady

Eigentlich ist Amanda Meeresbiologin. Ihre Story geht so ähnlich wie die der meisten Kanadier(innen), die ich auf diesem Trip kennenlerne: Eigentlich kommen sie von wo ganz anders her, kamen vor x Jahren für einen Sommerjob/Studium/Reise in diese Gegend, verliebten sich unsterblich in die Region (und/oder wahlweise in Person x) und – der Rest ist Geschichte. Sie gingen nie wieder weg, fingen hier im Westen neu an und erfanden sich quasi neu.

So auch Amanda: Ursprünglich ist sie von Ostküste, doch ihr Meeresbiologie-Studium führte sie vor Jahren nach BC, an die Westküste. Auch sie verliebte sich in diese Gegend – Vancouver Island und Sooke an der Südküste – und ging nie wieder weg.

Sie interessierte sich für Kräuterheilkunde, und als sie das Surfen und den Seetang entdeckte, von dem es hier an dieser Küste immerhin 650 verschiedene Arten gibt, beschloss sie, ihr eigenes Business rund um den Seetang augzubauen: Dakini Tidal Wilds.

Sie wurde zur Seaweed Lady.

Kelp Seaweed Vancouver Island

Dakini Tidal Wilds

Warum zur Hölle Seetang? Er ist glibschig und riecht komisch (und schmeckt komisch). Doch Seetang hat unglaubliche, quasi magische Fähigkeiten: Manche Sorten enthalten so viel Protein, so viel Vitamin D oder so viele Mineralstoffe wie kein anderes Lebensmittel auf der Welt.

Manche Sorten töten Viren (!) und Krebszellen (!) ab, sie heilen von innen UND von außen (das glibberige Zeug, das sie absondern, ist nicht nur unglaublich gut für die Haut, sondern hält z.B. je nach Art des Seaweeds UV-Strahlen ab.) Undsoweiterundsofort. Wenn man sich mal etwas näher damit beschäftigt, ist es jedenfalls umso unglaublicher, dass sich Seetang bei uns noch nicht stärker durchgesetzt hat?!

Sooke Vancouver Island Strand

Seeanemonen Algen Seetang am Strand Vancouver Island

Seetang Vancouver Island

Seetang Krebs Strand bei Ebbe

Die an dieser Küste seit Jahrtausenden lebenden Ureinwohner (die First Nations) nutzten bereits mehrere Seetang-Arten, und auch auf der anderen Seite des Pazifik in Japan werden Algen und Seetang traditionell viel verwendet. Doch die Forschung dazu steckt noch ziemlich in den Kinderschuhen, erklärt mir Amanda, der Großteil der Seaweed-Arten ist sogar noch gar nicht erforscht. Immer wieder stößt sie auf Seaweed, das sie noch gar nicht kennt.

Sie selbst ist seit Jahren fasziniert vom Seetang und seinen Eigenschaften, experimentiert damit, verfolgt die aktuelle Forschung, gibt Workshops und verkauft getrockneten Seetang in verschiedenen Varianten auf speziellen Märkten und über ihren Shop, aber auch an Köche und Naturkosmetikhersteller.

Ich finde sie inspirierend, weil sie ihre Leidenschaft zum Beruf gemacht hat und die positiven Eigenschaften des Seetangs, über den wir so wenig wissen, bekannter machen will. Neben ihrem eigenen Business ist sie Surferin und Mutter zweier Töchter, und sie engagiert sich politisch, v.a. gegen die Abholzung der alten Wälder auf der Insel, die das Gleichgewicht der Natur verändert und auch negative Auswirkungen auf den geliebten Seetang hat.

Besonders angetan hat es ihr der „Kelp“ – Seetang aus der Gruppe des braunen Seaweeds (es gibt noch rotes und grünes). Nicht alle Seaweed-Sorten kann man auch essen – als sie mir ein weiteres (rotes) Exemplar in die Hand drückt, bin ich etwas vorschnell und kaue schon munter darauf rum, als ich sie rufen höre „Halt, nicht essen, das enthält Säuren!“. Ups…

Seaweed Seetang Strand Sooke Vancouver Island

Frühjahr und Sommer sei die beste Zeit zum „Ernten“ des Seetangs, erklärt sie mir. Dafür steigt sie schon mal in einen Neoprenanzug, schnorchelt mit einem Korb bewaffnet hinaus in die „Kelp Forests“ und schneidet dort die richtigen Enden ab – immer ohne die Pflanze zu zerstören.

Die Kelp Forests liegen wenige Meter vor der Küste im tiefen Wasser. Kelp ist die am schnellsten wachsende Pflanze der Erde und kann bis zu 100 Fuß lang werden. Unter der Wasseroberfläche bildet er ganze Wälder, in denen sich Fischschwärme tummeln und manchmal Seelöwen und Seeotter. „Beim nächsten Mal nehme ich dich mit raus!“, meint sie.

Seetang ernten Vancouver IslandSo geht Seaweed ernten unter Wasser: im Neoprenanzug, in den Seetangwäldern

Was für eine faszinierende Welt das sein muss, unter Wasser in diesen Seetangwäldern, denke ich mir, doch für den Moment bin ich froh, dass ich nicht rein muss in das eiskalte Seetang-Wasser. Auch im Sommer wird der Pazifik hier selten wärmer als 15 Grad.

Wir balancieren weiter über den von der Ebbe freigelegten Strand (der völlig von Seetang bedeckt ist und deshalb total glitschig und rutschig – ich so mit Turnschuhen und Kamera in der Hand auf Steinen balancierend, sie mit Neoprenschuhen im Wasser stehend).

Faszinierend, was man dort entdeckt, wenn man genau hinsieht! Amanda erklärt mir die verschiedensten Seetang-Arten vom „Spaghetti Seaweed“ (kann man essen) bis zum „Federboa Seaweed“ (kann man sich umhängen) bis zum „Waschlappen Seaweed“ (kann man als Duschschwamm verwenden).

Spaghetti SeaweedSpaghetti Seaweed und Duschschwamm Seaweed: Der Name ist Programm!

Duschschwamm Seaweed Seetang Alge

Wir treffen eine Schülerin von ihr aus Victoria, die sich heute zum ersten Mal im Neoprenanzug ins Wasser gewagt hat, um zu ernten. Den Seetang toastet sie und macht daraus leckere Chips. Ich fühle mich auch gleich viel gesünder, weil ich den frischen Seetang gegessen habe und lasse mir von Amanda zum Abschied noch getrocknete „Seaweed Flakes“ mitgeben (in kleinen regelmäßigen Dosen übers Essen streuen wie Salz. Mittlerweile schon getestet – gar nicht schlecht!).

Einen Duschschwamm-Seetang vom Strand nehme ich auch gleich noch mit. Auf meinem Armaturenbrett vergnügt hin- und herschwabbelnd fährt er mit mir zurück nach Victoria.

Strand Sooke Vancouver Island

Mehr Infos: Dakini Tidal Wilds

Danke an Amanda für die interessanten Einblicke! Vielen Dank auch an Destination BC, Condor und Canusa, die meine Reise nach BC unterstützt haben. Alle Ansichten sind meine eigenen.

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