Festivalcheck Wave-Gotik-Treffen – oder warum man an Pfingsten nach Leipzig reisen sollte

„Leipzig sieht schwarz“ titelt die Presse jedes Jahr an Pfingsten. Vielleicht nicht ganz so originell, aber es stimmt: Seit mittlerweile 22 Jahren findet in Leipzig über Pfingsten das „Wave-Gotik-Treffen“ oder „WGT“ statt, das größte Gothic-Festival der Welt. Das muss man sich dann so vorstellen: Über 20.000 Grufties, Cybergoths, Düstermetaller, Steampunks, neo-viktorianische Schwarzromantiker, Dark Electro-, EBM-, Mittelalter- und Fetischfans fallen von Donnerstag bis Dienstag in die Stadt ein und besuchen über 200 Konzerte und Kulturveranstaltungen.

Das klingt abgefahren und irgendwie ziemlich bizarr? Ganz genau.

Festival-Feeling mitten in der Großstadt

1999 war ich das erste Mal dort und total geflasht. Damals zeltete ich noch knallhart auf dem Festivalgelände (dem alten Agra-Messegelände im Süden der Stadt). Dieses Mal residierte ich flashpackermäßig in einem 9flats-Privatapartment im strategisch günstig gelegenen, alternativen Stadtteil Connewitz. „Wie, auf ’n Festival und nicht zelten?? Blasphemie!“, werden jetzt einige von Euch sicher sagen.

Yep, denn nachdem meine Freundin Lena und ich bei unserem letzten Zeltversuch beim WGT 2004 schon auf ein mannshohes Zelt mit Extra-Pavillion upgraden mussten, in das wir dann zu Stylingzwecken einen mannshohen Spiegel (!) hineinbugsierten, beschlossen wir, dass ab sofort nur noch richtige Unterkünfte in Frage kommen können. Und das geht gut: Anders als andere Festivals findet das WGT nämlich nicht nur auf einem Festivalgelände statt, sondern in einer Stadt – und zwar der ganzen Stadt! Und Leipzig ist auch noch eine tolle Stadt (dazu mehr im letzten Abschnitt!).

Während des WGT gibt es in Leipzig sogar eine „schwarze“ Straßenbahnlinie – und die fährt durchgehend!

Das ungewöhnliche Programm des WGT

Ich mag die Mischung aus Festivalgelände und parallelen Locations in der ganzen Stadt – und das ungewöhnliche und breite Programm. Da gibt es Konzerte auf verschieden großen Bühnen (nur zum Teil Open Air), in Clubs und sogar im Völkerschlachtdenkmal, in Kirchen, im Schauspielhaus oder in der Oper. Musikalisch reicht die Bandbreite von Klassik, Mittelalter und Folk über Dark Wave, Death Rock, Batcave, Punk bis hin zu Metal und den elektronischen Spielarten Electro/EBM/Industrial.

Live Bands beim WGT: Eisbrecher (WGT 2012), The Birthday Massacre (WGT 2013) und Amduscia (2012)

Neben Konzerten gibt es aber auch Lesungen, zwei Mittelaltermärkte, Live-Rollenspiel/LARP („Vampire – The Masquerade“), Ausstellungen, klassische Konzerte, Oper und Theater. Tagsüber kann man in einer großen Messehalle voller Stände Klamotten und anderes gotisch-bizarres Zubehör wie maßgefertigte Vampirzähne oder Korsetts shoppen (das Ganze heißt natürlich stilecht „schwarze Messe“).

Kult ist jedes Jahr auch das „viktorianische Picknick im Park“. Dieses Jahr standen noch eine Show im Krystallpalast Varieté auf dem Programm, eine Ausstellung über die schwarze Szene in der DDR im Stasi-Bunker und ein „Apocalypse“-Chorkonzert mit der Schauspielerin Katharina Thalbach als Sprecherin – stilecht in den Trauerhallen des Südfriedhofs natürlich.

Im WGT-Ticket 2013 inbegriffen: Ausstellung über experimentelles Schuhdesign im Grassi-Museum für angewandte Kunst

Dazu kommen leicht bizarre Veranstaltungen wie der „Stricknachmittag für Schwarzromantiker“ oder das „Absinth- und Metalfrühstück“. Und nach dem Konzerten – dieses Jahr gab es mit And One und IAMX sogar noch an zwei Tagen Konzerte um 1 Uhr morgens (!) – geht die Party erst los: In verschiedenen Clubs in der Stadt legen DJs aus der ganzen Welt auf.

Einziger Wermutstropfen: Es findet alles parallel statt und man braucht zum Teil mit der Straßenbahn ganz schön lang von Location A nach Location B, so dass man natürlich immer was verpasst und nie alles sehen kann, was man gern sehen will. Kein Wunder, dass man nach 4 Tagen genauso tot ist, wie man eh schon die ganze Zeit aussieht!

So tot sah ich hier an Tag 3 eigentlich noch gar nicht aus?!

Gothics treffen auf Leipziger Einwohner

Die besondere Atmosphäre des WGT entsteht hauptsächlich durch die vielen auffälligen Leute von überall her, die am hellichten Tag krass gestylt durch die Stadt ziehen. Dies sorgt natürlich bei der lokalen Bevölkerung für Unterhaltung und führt zu teils lustigen Szenen, z.B. wenn eine Straßenbahn hält und einen Strom von 70 schwarz-gotischen Menschen ausspuckt – und dazwischen eine total geflashte Leipziger Oma. Oder wenn die Anwohner des Torhaus Dölitz, wo der Mittelaltermarkt „Heidnisches Dorf“ stattfindet, an der Straße Bier verkaufen, ganze schaulustige Familien mit Kameras bewaffnet am Festivalgelände lauern oder die Geschäfte in der Leipziger Innenstadt ihre Schaufenster schwarz dekorieren.

Chillen beim Mittelaltermarkt im „Heidnischen Dorf“ im Torhaus Dölitz

Beim WGT fährt auch schon mal eine feuerbetriebene Steampunk-Ratte über die Straße.

Der WGT-Style: Gothic, Steampunk, Fetisch, Mittelalter, Barock… alles geht!

Stylingtechnisch ist im Prinzip alles erlaubt. Barocke Reifröcke, hochtoupierte Riesen-Iros, Fetischklamotten von Kopf bis Fuß, Uniformen, Korsetts, Fantasy-Kostüme, Gehstöcke, Steampunk-Apparaturen, Crossdressing, aufwändiges Make-up – auf dem WGT gibt es einiges zu sehen, weshalb sich die Festivalmeile auf dem Agra-Gelände längst zur Flaniermeile und zum „Catwalk“ entwickelt hat und kritische Stimmen munkeln, dass es manchen nur noch ums Schaulaufen und Sehen-und-Gesehen-werden ginge.

Wie auch immer – es macht jedenfalls eine Menge Spaß, sich einfach mal irgendwo hinzusetzen und die Leute zu beobachten. Eine Galerie mit Bildern von WGT Besuchern und ihren abgefahrenen Kostümen findet Ihr hier!

Die besondere Atmosphäre des WGT und die Leute

Was mir am WGT gut gefällt, ist die friedliche, entspannte Stimmung. (Während des gesamten Festivals habe ich in der Stadt ganze zwei Polizisten gesehen.) Obwohl die schwarze Szene eigentlich nicht dafür berühmt ist, lernt man auf dem WGT superschnell Leute kennen und es geht irgendwie familiär zu.

Da sind z.B. die fünf Brüder aus Berlin, die jedes Jahr auf das WGT gehen und diesmal sogar ihre Eltern mitgebracht haben. Kerry, die eigens aus Australien angereist ist. Oder Sebastian aus den USA, der maßgefertigte Vampirzähne anbietet und in New York, New Orleans, Paris und Berlin große Vampir-Kostümbälle veranstaltet. Da ist der Fernsehjournalist Siggi, der einmal einer der ‚gefürchtetsten‘ Oppositionellen der DDR war und für seine Berichterstattung über die letzte Montagsdemo in Leipzig vor der Wende das Bundesverdienstkreuz bekam und nun eine Pension beim Festivalgelände führt. Mittlerweile kommen auch immer mehr Familien zum WGT, so dass es bereits eine Kinderbetreuung gibt.

Leipzig –  das neue Berlin??

Während des Wave Gotik Treffens sollte man unbedingt versuchen, etwas von der Stadt mitzubekommen. Leipzig ist eine schöne und interessante Stadt, die schon seit Jahren als „das neue Berlin“ gehypt wird. Günstige Mieten und eine lebendige Kunst- und Kulturszene ziehen jede Menge Kreative, Alternative und Hipster an. (Die FAZ und die New York Times haben diese Atmosphäre vor einiger Zeit gut beschrieben – lest hierzu auch meinen neuesten Artikel über Leipzig – Hypezig).

Futuristische Kirche und Universitätsgebäude in einem – Architektur im Zentrum von Leipzig

Vor allem in der Südvorstadt und in Connewitz im Süden Leipzigs kommt man während des Festivals oft vorbei und kann zwischendurch in den Kneipen und Cafés schön frühstücken, essen und trinken, z.B. im Café Waldi, Café Puschkin oder Hotel Seeblick.

Tipps für Leipzig – das solltet ihr nicht verpassen

Für Geschichtsinteressierte gibt es die Thomaskirche mit dem Bach-Museum, das Völkerschlachtdenkmal, Auerbachs Keller oder das Museum in der runden Ecke, dem früheren Stasi-Hauptquartier. Wenn ihr noch Zeit habt, macht einen Abstecher in den derzeit angesagtesten Stadtteil Plagwitz mit seinen alten Industriegebäuden voller Kunst und Kultur, schippert mit dem Boot oder Kajak auf dem Karl-Heine-Kanal oder chillt an einem der Seen an den Toren der Stadt. Die Moritzbastei, ein Kulturzentrum und Club in einer alten Festungsanlage mit meterhohen Steingewölben mitten in der Innenstadt sollte man unbedingt auch mal besuchen – z.B. zur Abschlussparty am letzten Abend des WGT!

Mein Fazit: Leipzig ist definitiv einen Besuch wert – auch ohne WGT (aber mit WGT ist es noch besser! ;-))

Das Neue Rathaus in Leipzig

Wave Gotik Treffen – Infos und Tipps

Unterkunft: Wer zum WGT möchte und nicht zelten will, sollte sich schon Monate vorher um eine Unterkunft kümmern, da die Stadt jedes Jahr über Pfingsten quasi ausgebucht ist (vor allem die günstigeren und gut gelegenen Unterkünfte). Leider werden zum WGT saftige Zuschläge erhoben. Gute Festival-Lagen sind die Südvorstadt, Connewitz oder Dölitz im Süden von Leipzig oder die Innenstadt in der Nähe von Augustusplatz oder Hauptbahnhof (prinzipiell alles an der Straßenbahnlinie zwischen Hauptbahnhof und Agra-Gelände/Straßenbahnhof Dölitz).

Wann an- und abreisen? Wer zelten will, sollte Donnerstags vor Pfingsten schon anreisen, ansonsten reicht auch Freitag (das viktorianische Picknick findet allerdings schon Freitag nachmittags statt und abends sind meistens schon richtig gute Konzerte). Der Pfingstmontag ist voller Festivaltag, d.h. man sollte wenn möglich erst Dienstags abreisen, um Konzert-Headliner und Abschlusspartys nicht zu verpassen.

WGT Tickets, Eintrittspreise, Programm: Die Tickets kosteten 2013 89,- Euro pro Person und gelten für alle Veranstaltungen und den Leipziger ÖPNV (ohne Zeltplatz – hierfür braucht ihr eine zusätzliche „Obsorge“-Karte für 25,- Euro). Achtung: Das Programm wird immer erst sehr spät bekannt gegeben, Tickets können erst ca. 2-3 Monate im Voraus bestellt werden – zu diesem Zeitpunkt sollte man seine Unterkunft aber möglichst schon reserviert haben.

Nachtrag: Das WGT/Wave Gotik Treffen 2014 findet vom 6.-9. Juni in Leipzig statt, derzeit sind ca. 145 Bands und Künstler bestätigt. Die Tickets kosten 99,- Euro pro Person für das komplette Festival.

Mehr Infos zu Bands und Programm findet ihr auf der Festival-Webseite: www.wave-gotik-treffen.de

Welche Festivals könnt Ihr empfehlen?

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14 Kommentare

  • Torsten sagt:

    Ich war in diesem Jahr auch dort, wenn auch nur zum Viktorianischen Picknick. Fand ich aber toll, konnte sehr viele Fotos machen und war begeistert ob der Freundlichkeit der Teilnehmer.

    Denke auch im kommenden Jahre werde ich wieder hinfahren. Vielleicht sieht man sich dann mal dort. Ein kleines Reiseblogger-Treffen auf dem WGT, das wäre doch mal eine Idee, oder?

    Meine Fotos sind übrigens hier zu finden: https://plus.google.com/u/0/photos/103549744862530696688/albums/5879239015723472625

    Vielleicht erkennt sich ja auch jemand drauf. Ich stelle dann auch gerne die Fotos in Originalgröße zur Verfügung.

    • Susi sagt:

      Hey Torsten, cool, vielen Dank! Denn das viktorianische Picknick habe ich leider verpasst, da wir erst Freitag Abend anreisen konnten. Da würde ich gerne nächstes Jahr hin!

  • Wow, tolle Seite! Komm doch mal im schönen und kreativen Mecklenburg vorbei 🙂
    Hier berichten junge Reiseblogger und Journalisten über die Pressereise #balticdiscovery (u.a. auch Elena alias Creativelena), bei der das interkulturelle Team das junge und kreative Mecklenburg entdeckt hat. Hach, was haben wir viel gelacht 🙂
    http://kreativsaison.wordpress.com/category/balticdiscovery/

  • Patrick sagt:

    Dem WGT kann ich zwar nicht so viel abgewinnen, aber Leipzig ist wirklich schön. Es freut mich, dass Du der Stadt auch einige gute Worte widmest 🙂
    Ich bin im Juni wieder für ein paar Wochen dort und freue mich schon.

  • Manolo sagt:

    Ich war dieses Jahr auch das erste mal auf dem WGT. Ich hatte große Erwartungen und die wurden bei weitem übertroffen. Es war also gar nicht mal so schlecht.;o))

    Eigentlich bleibt mir gar nicht so viel zu sagen weil die liebe Susi das wichtigste bereits erwähnt hat. Trotzdem werde ich jetzt fleißigst „doppelmobbeln“ und einfach alles widergeben was mir besonders auffiel und gefiel.

    Als erstes muss ich sagen das Leipzig ( mit oder ohne WGT ) absolut eine Reise wert ist. Ich bin da nur 3-4 mal auf dem Weg zum with full force vorbei gefahren und habe es nun endlich gebacken bekommen mal die Stadt selbst zu besichtigen. Es gibt eine ganze Menge zu sehen und dank des Programms beim WGT kommt man bei vielen Museen und öffentlichen Gebäuden auch für umme rein ( da freut sich der Schwabe ). Außerdem gibt es im näheren Umland dermasen viele Baggerseen das ich nur neidisch werden kann.

    Tatsächlich habe auch ich keinen einzigen Polizisten gesehen ( außer die haben neuerdings Gothikuniformen im Osten an ). Das spricht für ein außergewöhnlich friedliches Festival. Ich glaube aber den Gothiks wäre Stress machen auch viel zu stressig.

    Die Tram ist wahrhaftig etwas ..sagen wir mal..gemütlich unterwegs. Man sollte speziell bei so einem straffen Programm wie dem WGT immer gut Zeit einplanen um von links nach rechts zu kommen. Dafür bieten sich in der Tram ständig beste Gelegenheiten mit anderen und vorallem einheimischen Leuten in Kontakt zu kommen.

    Als Unterkunft kann ich übrigens brennend die Jugendherberge in der Nähe des Hauptbahnhofs empfehlen. Liegt zwar nicht ganz so zentral ( da das Gelände ja eher im Süden angesiedelt ist ), ist dafür günstig ( selbst am WGT ) und bietet dazu sogar nocht ein leckeres Frühstück. Zumindest für diejenigen unter uns die es schaffen bis 10 Uhr morgens aus der Koje zu schlüpfen.

    Zu letzt will ich noch erwähnen das Leipzig wohl allein deswegen eine Reise wert ist weil das Wetter „dort drüben“ anscheinend einiges besser ist als im kühlen Süd-Westen und sie dieses Jahr zumindest eine theoretische Chance auf Sommer haben.

    Gruß vom Manolo

    Ps.: IamX spielen übrigens dieses Jahr auch auf dem Nova Rock ( für alle die es dieses Jahr verpasst haben harhar )

    • Susi sagt:

      Hi Mano, danke für Deinen ausführlichen Kommentar (und schön, dass es Dir gefallen hat!! :D). Vor zwei Jahren waren wir übrigens auch in der Jugendherberge beim Hbf – vielleicht ist das die gleiche?? (A&O)?? Und ja, leider werde ich IAMX auch auf dem Nova Rock verpassen – schade! Bei der nächsten Gelegenheit werd ich’s hoffentlich nicht so verpeilen wie letzte Woche! 😉

  • Manolo sagt:

    Weiß nemme genau wie die Juhe hieß. Aber so viele gibts glaub auch nicht in Leipzig. Die ist in der Volksgartenstr. 24. Das ist alles was ich noch dazu weiß. Ich denke ihr wart in der gleichen. Wusst ich gar nicht.

  • Jenny sagt:

    Das hast du wirklich schön geschrieben – genauso ist Leipzig zum WGT. Wir sind fast jedes Jahr mit unseren Kindern da; es gibt dann so viel Faszinierendes und Fremdes zu sehen, dass es fast wie eine Fernreise ist

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