Bei den Tempelrettern von Angkor Wat

Wer sich der kolossalen Tempelanlage Angkor Wat im Norden Kambodschas in nächster Zeit nähert, dem werden sicherlich an einigen Stellen grüne Planen und Gerüste auffallen. Vielleicht werden sie euch stören und sich auch nicht besonders gut auf euren Fotos machen, doch sie sind notwendig. Denn hier sind die „Tempelretter“ am Werk.

Die Tempelretter, das sind die Restauratoren des German Apsara Conservation Project (GACP), und sie haben eine Mission: die weltberühmten Stein-Reliefs von Angkor Wat zu erhalten. Denn das tropische Klima mit dem Monsunregen und der Hitze, der Kot von Horden von Fledermäusen und die zwei Millionen Touristen pro Jahr setzen den jahrhundertealten Tempeln besonders zu.

Einen ganzen Tag lang begleiten wir Restauratorin Emmeline Decker vom GACP, klettern auf Gerüste und unter glühendheiße Planen und lassen uns von ihr verschiedene Messmethoden und Konservierungstechniken erklären. Es wird klar: Die Tempelretter sind eigentlich Steindoktoren, die die kunstvollen Steinmetzarbeiten an den Tempeln in mühevoller Kleinstarbeit vom sicheren Verfall bewahren.

Dazu zählen auch die fast 2.000 „Apsaras“ von Angkor Wat – wunderschöne göttliche Tempeltänzerinnen, die überall geheimnisvoll von den Wänden lächeln und alle (!) unterschiedlich (!) sind.

Eine ihrer ‚Stein-Krankheiten‘ ist die Schalenbildung, bei der sich der Sandstein hinter den Figuren zunächst unbemerkt zersetzt, bis ein Hohlraum entsteht. Die Figur platzt schließlich ab und ist für immer zerstört. In schwierigen Fällen hilft sogar nur noch eine Notsicherung durch Metall-Korsetts oder Halteleinen, und im Idealfall gibt es eine Art Steinmörtel-Botox-Behandlung.

Um den sicheren Verfall aufzuhalten, werden die Figuren und Reliefs gereinigt und genau untersucht, Rillen anschließend aufgefüllt; mit Hilfe verschiedener Spritzen wird künstlicher Steinfestiger und Sandsteinmörtel injiziert. Meine Bewunderung für die Geduld der Restaurations-Teams wird umso größer, je mehr ich mit eigenen Augen sehe, was für eine kleinteilige und langwierige Sisyphos-Arbeit das Ganze eigentlich ist.

Manchmal hilft nur noch die gute alte Zahnbürste…

Sobald eine Stelle erfolgreich behandelt ist, geht es woanders direkt weiter – und der ‚Haupttempel‘ Angkor Wat ist auch nicht der einzige Tempel des Areals, der bei den Steindoktoren in Behandlung ist.

Doch die Tempelretter kümmern sich nicht nur um die Konservierung der Tempel-Reliefs, sie dokumentieren auch den Zustand der Tempel, erforschen den Stein und entwickeln geeignete ‚Heilmethoden‘, bilden Einheimische vor Ort zu Restauratoren aus und stellen sie fest an.

Ob die schönen und geheimnisvollen Apsaras auch bei meinem nächsten Besuch in Angkor noch von den Wänden lächeln? Ich hoffe es…

Das German Apsara Conservation Project wird von der Fachhochschule Köln, dem Auswärtigen Amt und privaten Sponsoren gefördert. Mehr Informationen findet Ihr hier und hier. Auch ihr könnt das Projekt unterstützen – Infos dazu findet ihr auf der Webseite. Vielen Dank an Emmeline Decker für den interessanten Tag!

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