Städtereise nach Sofia – zwischen Ostblock-Charme und Aufbruch

Auf dem Weg vom Flughafen in die Stadt begrüßt mich Sofia zunächst mit tristen Vororten voller Plattenbau-Siedlungen. Auf holprigen Straßen geht es vorbei an bröckelnden Wohnsilos, ein gewisser ‚Ostblock-Charme‘ trifft auf Februar-Tristesse in grau und braun. Schön ist die Hauptstadt Bulgariens auf den ersten Blick nicht, kein „Paris des Ostens“ (warum müssen sich Städte überhaupt immer mit Paris messen?), bei dem man ins Schwärmen gerät.

Sofia ist keine Stadt auf den ersten Blick.

Doch ich finde gerade das faszinierend!

Und so lassen wir allmählich die grauen Wohnsilo-Viertel im Einheits-Look hinter uns und nähern uns der Innenstadt: Das Bild ändert sich. In der bulgarischen Hauptstadt treffen Relikte aus Sowjetzeiten auf prachtvolle klassizistische Bauten, Zarenstandbilder auf Überreste aus römischer Zeit, eine Moschee auf orthodoxe Kirchen aus dem Mittelalter. Über allem liegt der Charme des bröckelnden Putzes und des Glanzes vergangener Zeiten, denn Sofia ist eine der ältesten Städte Europas, deren Geschichte immerhin bis in die Jungsteinzeit zurückreicht.

Hoch über der Stadt thront schneebedeckt das über 2.000 Meter hohe Witoscha-Gebirge – der „Hausberg“ Sofias, den die Einheimischen im Winter zum Skifahren und Snowboarden nutzen. Ich meine, in welcher europäischen Hauptstadt kann man das schon? Eine Städtereise nach Sofia ist eben nicht nur relativ günstig, sondern auch voller Gegensätze und Überraschungen – egal, ob ihr wie ich im Winter zum Skifahren nach Bulgarien kommt oder eine wärmere Jahreszeit bevorzugt. Meine besten Tipps für euren Städtetrip habe ich euch hier zusammengefasst.

Sehenswürdigkeiten im Zentrum von Sofia

Im Stadtzentrum stoßt ihr auf ganz viel Geschichte und die unterschiedlichsten Gebäude und Baustile aus verschiedenen Epochen – vom Mittelalter bis zur Sowjetzeit. Auf keinen Fall solltet ihr das Wahrzeichen Sofias verpassen, die Alexander-Newski-Kathedrale, deren türkisfarbene Dächer und goldene Kuppeln schon von Weitem leuchten. Der Monumentalbau in der Mitte eines großen Platzes ist die wichtigste bulgarisch-orthodoxe Kirche der Stadt und fasst ganze 5.000 Menschen! Nicht nur von außen ist die Kathedrale beeindruckend. Innen ist sie üppig mit Fresken, Gold, Glasmalereien und Ikonen (bulgarischen Heiligenbildern) verziert, so dass es sich lohnt, einen Blick hineinzuwerfen.

Spannend fand ich in Sofia auch die Protzbauten im Stil des Sozialistischen Klassizismus, zum Beispiel der Gebäudekomplex Largo mit dem früheren Parteigebäude der Kommunistischen Partei Bulgariens. Und als könnte der Kontrast nicht größer sein, ragen gleich dahinter Kuppel und Minarett der alten Banja-Baschi-Moschee in den Himmel…

Mir gefällt, wie sich die Stadt verändert, wie sich die Menschen den urbanen Raum zurückerobern. Besonders gerne erwischt es das umstrittene Denkmal zu Ehren der Sowjetarmee: Die Soldatenfiguren wurden schon als Comicfiguren bemalt, trugen Guy Fawkes-Masken oder Kopftücher aus Protest gegen die Verhaftung von Pussy Riot oder wurden pink angesprüht zum Jahrestag des Einmarschs der Truppen gegen den Prager Frühling („Bulgarien entschuldigt sich“). Gerade gehört der Platz den Skateboardern und Graffiti Artists.

Sofia Sehenswuerdigkeiten Largo

Oben: Das Denkmal zu Ehren der Sowjetarmee haben sich Graffiti-Artists und Skater zurückerobert. Mitte: Regierungsgebäude-Komplex Largo im Stil des Sozialistischen Klassizismus. Unten links: Von diesen Häuschen wurde früher wohl der Straßenverkehr geregelt (heute scheinen sie leerzustehen).

Generell scheint sich das Leben hier viel stärker auf der Straße abzuspielen als bei uns, daher gibt es viel zu kucken! Gepflasterte Gassen gesäumt von Altbauten, durch die alte Straßenbahnen fahren und der elegante Vitosha Boulevard mit seinen Cafés und Geschäften laden zu einem Bummel ein. Statt Wohnblöcken aus Sowjet-Zeiten entdecke ich Straßenzüge mit Kopfsteinpflaster und Gründerzeit-Häusern – nicht viele, aber es gibt sie. „Hier wollen sie bestimmt alle wohnen, die jungen hippen Kreativen von Sofia“, denke ich mir. Eine alte Straßenbahn bahnt sich ihren Weg durch schmale, trubelige Einkaufsstraßen. Wir überqueren kleine Plätze mit Bäumen, alten runden Zeitungskiosken und Springbrunnen, auf denen Ältere ein Schwätzchen halten und Schach spielen. (Und auf einmal muss ich doch an Paris denken. Aber nur ganz kurz, denn, siehe oben – ich mag diese Vergleich mit Paris eigentlich überhaupt nicht).

Ein beliebter Treffpunkt ist auch das wunderschöne, klassizistische Nationaltheater Iwan Wasow mit seinen Wasserspielen und dem Stadtpark. Nehmt einfach auf einer der Bänke Platz und beobachtet das Treiben um euch herum!

Das alternative Trendviertel um die Tsar Ivan Shishman-Straße

Südlich der Alexander-Newski-Kathedrale stoßt ihr auf die Ulitsa Tsar Ivan Shishman (ulitsa = Straße), die als alternatives Trendviertel gilt. Meiner Meinung nach ist es nicht vergleichbar mit Trendvierteln wie Friedrichshain in Berlin, doch als wir an der Straße entlangbummeln, entdecke ich einige kleine, individuelle Läden und Cafés, Restaurants und Bar, die zum Schauen, Verweilen und zu einer Stärkung einladen. Die Straße ist voll von Graffiti und Streetart, und mir fallen sofort die bunt bemalten Stromkästen auf (mehr dazu im nächsten Punkt unten!). Hier stoßen wir auch auf ein Teehaus, eine alte Kräuter-Apotheke neben einem Tattoo-Studio, ein altes Ehepaar, das auf der Straße Nüsse und Maroni röstet. Ich mag die vielen kleinen kuriosen Kioske und „Spätis“, die sich meist halb im Keller der Häuser befinden, so dass man oft auf Kniehöhe bedient wird.

Hier ein paar Tipps für die Tsar Ivan Shishman-Straße:

  • One More Bar: abends eine angesagte Bar und tagsüber ein gemütliches Café mit Biergarten im Hof
  • Lavanda: gemütliches Restaurant (über der One More Bar im Hinterhaus)
  • Leckeres Eis gibt es nebenan bei der „Gelateria Naturale“
  • Supa: tolle Suppen! Gut für Lunch und zwischendurch
  • Skapto: cooler Burgerladen
  • Maison Second Hand: nette Second Hand-Boutique am unteren Ende der Straße
  • Schaut euch auch die wunderschöne alte Kirche Sveti Sedmochislenitski an! Danach könnt ihr euch in der „hummusbar“ oder in dem kleinen schnuckeligen Hinterhof-Restaurant „The Little Things“ stärken.

Tsar Ivan Shishman Strasse Sofia

Sofia Insidertipps Supa

Streetart Sofia Tsar Ivan Shishman

Sofia Sehenswürdigkeiten Kirche Sveti Sedmochislenitski

Streetart in Sofia: Bunte Stromkasten-Kunst

Ich liebe Streetart und halte auf meinen Reisen immer Ausschau danach. Und auch in den Straßen Sofias gibt es einiges an Streetart zu entdecken! Eine Besonderheit sind die knallbunt bemalten Stromkästen in der Tsar Ivan Shishman-Straße, in der ihr aber auch noch auf andere Streetart wie Graffiti und Pasteups stoßen werdet. Die Stromkasten-Kunst haben unterschiedliche Künstler im Rahmen der Sofia Design Week 2011 geschaffen und die Stadt damit nicht nur um einiges bunter gemacht, sondern zu einer kleinen, alternativen Outdoor-Galerie umfunktioniert. Mittlerweile gibt es noch viel mehr der knallbunten Stromkästen in Sofia, zum Beispiel in der Rakovski-Straße. Haltet unterwegs einfach die Augen offen!

Die bulgarische Küche probieren

Ich sage: Kein Besuch in Sofia ohne bulgarisches Essen zu probieren! Die bulgarische Küche ist sehr reichhaltig und deftig und eine ganz interessante Mischung aus mediterranen und orientalischen Einflüssen. Obwohl es viel gegrilltes oder geschmortes Fleisch gibt, gibt es auch viele leckere vegetarische Gerichte mit Gemüse und Schafskäse, zum Beispiel den Schopska-Salat, ein erfrischender Salat aus Gurken, Tomaten, Paprika und geriebenem Schafskäse, die kalte Gurkensuppe Tarator und die Bohnensuppe Bob Tschorba, aber auch gebackener Käse, gefüllte Teigtaschen oder verschiedene Tontopfgerichte. Dazu passt ein bulgarischer Wein und danach ein Rakia! (Oder auch zwei…).

Gut essen könnt ihr in Sofia zum Beispiel bei Moma Bulgarian Food and Wine oder im
gemütlichen, wie eine Wohnung eingerichteten Restaurant Lavanda in der ul. Tsar Ivan Shishman, über der angesagten One More Bar im Hinterhaus. Empfehlen kann ich auch die Raketa Rakia Bar, mit bulgarischer Küche,  einer guten Auswahl Rakia und einer coolen Atmosphäre, die gleichzeitig modern ist und auf kommunistische Zeiten anspielt. Veganer sollten bei Soul Kitchen vorbeischauen.

Bulgarische Kueche Sofia Reisetipps

Tagesausflug ins Rila-Kloster

Wen es hinaus aus der Stadt zieht, dem empfehle ich von Sofia aus einen Ausflug zum Kloster Rila. Das orthodoxe mittelalterliche Kloster ist das größte in Bulgarien. Es zählt zum UNESCO Weltkulturerbe und liegt auf über 1.100 Metern Höhe ü.N. im Rila-Gebirge. Etwa zwei Stunden dauert die Anfahrt von Sofia, bevor wir vor den mächtigen Klostermauern halten, die von außen aussehen wie Festungsmauern. Durch das bunt bemalte Eingangstor zu treten, fühlt sich an wie eine Reise in eine andere Zeit.

Das Kloster wurde nach einem Brand im 19. Jahrhundert wiederaufgebaut und hat einen ganz interessanten, charakteristischen Stil. Überall entdecke ich reiche Verzierungen und Freskenmalerei, die Kuppeln und mehrstöckigen Säulengänge sind beeindruckend. Jetzt im Februar ist wenig los, so dass uns nur einige Mönche und Priester begegnen, spielende Hunde im Innenhof und ein paar bulgarische Touristen, die sich um den Verkaufsstand mit Ikonenbildern drängen. Überraschend gemütlich wirken die mit bunten Teppichen und Kissen ausgelegten Mönchszellen, in denen heute nur noch wenige Mönche leben. Dafür bietet das Kloster Übernachtungsmöglichkeiten! Leider habe ich das erst vor Ort erfahren (ich wünschte, ich hätte es früher gewusst), d.h. wenn euch nach einer ungewöhnlicheren Unterkunft ist, bleibt länger und mietet euch in eine der Mönchszellen ein!

Touren zum Rila-Kloster könnt ihr u.a. hier buchen*:

Rila Kloster Tagesausflug Sofia

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Sofia – mein Fazit

Ich habe das Glück, mit jungen Einheimischen in Sofia unterwegs zu sein. Auf unserem Weg durch die Straßen ihrer Stadt erzählen sie von gemütlichen Cafés und spannenden Bars, vom Studentenviertel, jungen Künstlern, abgefahrenen Restaurants und Events, aber auch von Korruption und Oligarchen, von Geldwäsche und der ‚Mafia‘, von wirtschaftlichen Schwierigkeiten und erfolglosen Studentenprotesten.

Diese Stadt ist nicht einfach, und sie macht es ihren Bewohnern und Besuchern offensichtlich nicht einfach. Sofia hat viele Gesichter und ich habe nur ein paar wenige im Vorbeigehen gestreift. Momentaufnahmen. Eine Städtereise nach Sofia ist vielleicht kein Städtetrip in die schickste, hippste, wunderschönste Stadt, doch es ist eine Reise abseits des Mainstreams und der ausgetretenen Touristenpfade, in ein spannendes Land in Osteuropa, über das ich vorher nur sehr wenig wusste, eine Reise voller Gegensätze und Überraschungen. Ich verlasse Sofia mit dem Gefühl, dass ich wiederkommen muss.

Offenlegung: Danke an Bulgarien Tourismus für die Einladung zur Recherche nach Bulgarien. Alle Ansichten sind meine eigenen.

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17 Kommentare

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