Leipzig in schwarz: das Wave-Gotik-Treffen 2015

Jedes Jahr zu Pfingsten wird Leipzig schwarz. Wortwörtlich: Denn dann kommen über 20.000 Anhänger der schwarzen Szene zum „Wave Gotik Treffen“ in die Stadt – dem größten Gothic Festival der Welt, und besuchen über 200 Konzerte und Veranstaltungen an dutzenden Locations in der ganzen Stadt. 1999 war ich zum ersten Mal dort, danach immer mal wieder und seit einigen Jahren gibt es für mich an Pfingsten nur noch ein Reiseziel: das WGT in Leipzig!

#WGTLeipzig: schwarz ist das neue bunt

Das Festival muss man sich genauso abgefahren vorstellen, wie es sich anhört. Die ganze Stadt ist auf einmal voller schwarzgekleideter Gestalten, die Leipziger Läden dekorieren ihre Schaufenster schwarz, es gibt eine (schwarze) Straßenbahn-Sonderlinie und man findet auf einmal so kuriose Produkte wie schwarze Cupcakes oder schwarzes Eis.

Besonders gut gefällt mir die Vielfalt der Stile, die sich auch dieses Jahr wieder gezeigt hat. Das spiegelt sich nicht nur in der Auswahl der vertretenen Musikstile und Events wider, sondern auch im Styling der Festival-Besucher: Die unterschiedlichsten „Dark Styles“ sind vertreten, von Gothic und Dark Wave über neo-viktorianisch, Steampunk- und Fantasy, Metaller, Mittelalter, Cybergoths, Gothic Lolitas bis Fetisch-Mode.

Und das alles macht das WGT für mich ehrlich gesagt ziemlich bunt!

Ein wichtiger Aspekt des WGT, der auch nicht immer auf Gefallen innerhalb der Szene stößt, ist das Schaulaufen, denn wo, wenn nicht in Leipzig, kann man schon mal die ausgefallenste Kleidung in illustrer Gesellschaft und in aller Öffentlichkeit ausführen? Das führt immer zu leicht bizarren, kuriosen Szenen, z.B. wenn WGT-Besucher im knappen Fetisch-Outfit oder mit riesigem Kopfputz durch die Innenstadt flanieren – neugierig beäugt von Passanten (die sich natürlich schon mit Kameras bewaffnet in die Cafés gesetzt haben), oder wenn Damen in riesigen Reifröcken versuchen, sich in die Straßenbahn zu zwängen, die Bild-Zeitung die ‚Szene-Stile der Schwarzen‘ erklärt oder Leipziger Anwohner auf der Straße Bier an die Festival-Besucher verkaufen.

Dabei fällt mir jedes Jahr wieder auf, wie friedlich und entspannt die ganze Stimmung ist und wie locker und offen die Leipziger mit dem WGT und seinen Besuchern umgehen. (Ich glaube ja, dass so ein Festival in anderen Städten nicht möglich wäre, oder jedenfalls nicht so spaßig.) Die „Freedom of Self Expression“ beim WGT ist jedenfalls eines der Dinge, die mich sehr faszinieren und die ich auch an Festivals wie dem Burning Man so gerne mag. Anything goes – und das ist einfach sehr verrückt und befreiend und inspirierend.

Wie im letzten Jahr hatte ich auch zu diesem WGT wieder eine Kooperation mit Leipzig Tourismus, mit denen zusammen ich einen WGT-Guide mit vielen Leipzig-Tipps erstellt habe, der nächstes Jahr wieder aktualisiert wird und den ihr euch hier anschauen könnt. Auch auf Facebook und Instagram haben wir das WGT begleitet und u.a. Besucher nach ihren Lieblingsorten in Leipzig gefragt. Das Fotoalbum dazu gibt es hier (oder per Klick auf das Bild unten), und hier könnt ihr euch ein Fotoalbum mit Einsendungen zum #WGTLeipzig anschauen.

Von A (Absinthfrühstück) bis Z (Zombiebands) – was beim WGT 2015 los war

Das Wave Gotik Treffen geht jedes Jahr am Pfingstwochenende freitags los und dauert bis Dienstag Morgen. Eines der Highlights am Freitag Nachmittag ist das Viktorianische Picknick im Park, bei dem sich Besucher in fantasievollen, viktorianischen, neo-romantischen, Steampunk- oder Barock-Kostümen zu einem stilvollen Picknick im Clara-Zetkin-Park treffen.

Eigentlich ein inoffizielles WGT-Event, hat sich das Picknick mittlerweile zu einer richtig großen Veranstaltung mit mind. 1.000 Besuchern entwickelt – leider ist vor lauter Schaulustigen und Fotografen an gemütliches Picknicken nicht mehr zu denken. Trotzdem war die Atmosphäre dieses Jahr schön und entspannt, die Leute inspirierend und das Wetter wunderbar. Hier ein paar Bilder (auch ich hab mich in Schale geworfen, siehe 2. Bild):

Erstmals gab es dieses Jahr parallel zum Viktorianischen Picknick mit Viona’s Victorian Village ein neues Event: ein viktorianischer Markt mit Ständen, Vorführungen, Tanz und Live-Musik in der Arena im Panometer in Leipzig, einem alten Gasspeicher aus der Gründerzeit, zu dem ich es dieses Jahr leider nicht geschafft habe. Ich hoffe aber auf eine Fortsetzung im nächsten Jahr!

Am Freitag Nachmittag ging auch das offizielle Konzertprogramm los. Insgesamt traten dieses Jahr über 220 Bands und Künstler in unterschiedlichen Locations in ganz Leipzig auf. Musiktechnisch reichte die Bandbreite von klassischem Gothic & Dark Wave der 1980er und 1990er Jahre über Dark Rock, Metal, Mittelalter, Folk, Psychobilly/Deathpunk, Electro, EBM, Industrial bis Klassik.

Unter den Bands waren z.B. Clan of Xymox, Combichrist, Deine Lakaien, Eisbrecher, Eluveitie, Escape with Romeo, Fields of the Nephilim, Fixmer/McCarthy, Front 242, Grendel, Kirlian Camera, L’ame Immortelle, Koffin Kats, Mila Mar, Moonspell, Otto Dix, Samsas Traum, Sólstafir, Qntal und viele mehr. Für alle, die sich einen Eindruck von der Musik verschaffen wollen, hab ich hier mal eine Spotify-Playlist zusammengestellt:

Da man unmöglich alle Veranstaltungen besuchen kann (und leider alles parallel stattfindet), macht man sich am Besten seinen persönlichen Plan (gibt zum Glück eine WGT App!), oder lässt sich einfach treiben und schaut mal, was als nächstes spielt und wo es einen so hinverschlägt. Zu meinen Highlights am Freitag zählten die deutschen Gothic & Dark Wave-Urgesteine Deine Lakaien sowie die Düsterrocker von Eisbrecher, die spät abends in der Agra-Festivalhalle noch für eine richtig gute Show und Stimmung sorgten:

Am Samstag Mittag stand zunächst ein Besuch auf dem Mittelaltermarkt „Wonnemond“ auf dem Dach der Moritzbastei auf dem Programm, einem Kulturzentrum mit Clubs und Bars in einem alten Festungsgebäude und eine ziemlich geniale, verwinkelte Location mit meterhohen Steingewölben. Danach hieß es Schlange stehen vor dem Schauspielhaus und Glück haben, um noch einen Platz im Vortrag von Deutschlands bekanntestem Kriminalbiologen Dr. Mark Benecke zu ergattern. Und dieses Jahr hat es endlich mal geklappt! Kurzweilig-amüsant und mit vielen schaurigen Bildern erzählte Benecke, wie er das Rätsel der Mumien von Palermo löste und was beim Verwesen von Leichen alles so passiert. Benecke, der sich selbst zur schwarzen Szene zählt, legte beim WGT übrigens auch als DJ auf.

Im Anschluss gab es noch ein paar Konzerte, u.a. DAF und Front 242, bevor es nachts noch zur „Obsession Bizarr“ Fetischparty ging, die traditionellerweise immer am Samstag Abend im Volkspalast stattfindet, einer weiteren genialen Location in Leipzig, ein Rundbau mit einer Dom-artigen Kuppel und hohen Säulen, vielen fantasievollen Kostümen und guter Musik.

Beim WGT ist man im Prinzip den ganzen Tag in der Stadt unterwegs, besucht mehrere Konzerte pro Tag (meine Favoriten dieses Jahr: Clan of Xymox, London after Midnight und Rezurex), geht zwischendrin irgendwo lecker was essen oder Kaffee trinken oder im Park chillen und schwingt dann nachts noch in einem der Clubs das schwarze Tanzbein. Und das ganze vier Tage (und Nächte) lang!

Neben Konzerten gibt es aber auch noch Lesungen, Vorträge, Führungen und Ausstellungen. Mehrere Leipziger Museen bieten den Festivalbesuchern freien Eintritt (z.B. das Grassi-Museum für Angewandte Kunst, das Ägyptische Museum, das Museum für Stadtgeschichte und das der Bildenden Künste). Wer will, kann aber auch in die Oper oder zu klassischen Konzerten ins Gewandhaus gehen – sie halten jeweils ein freies Ticketkontingent für WGT-Gäste bereit. Montag abends treten Psychobilly- und Deathpunk-Bands auf; seit das Werk2 in Connewitz nicht mehr dabei ist, findet das Ganze im Club Täubchenthal in Plagwitz statt – ebenfalls eine sehr coole Location in einem alten Industriekomplex, auf die ich mich dieses Jahr wieder sehr gefreut habe.

Zombie-Schminke, Kontrabass und eine Burlesque-Tänzerin: Rezurex rockten Montag Abend im Täubchenthal

Zudem gab es auch dieses Jahr Klassik- und Orgelkonzerte und ein Vampire-Live-Rollenspiel, außerdem Kurioses wie den „Stricknachmittag für Schwarzromantiker“. Ein absolutes Muss jedes Jahr ist für mich auch mindestens ein Nachmittag im „Heidnischen Dorf“, einem Mittelaltermarkt im Torhaus Dölitz, mit vielen Ständen unter schattigen Bäumen, bei dem auch den ganzen Tag Mittelalter- und Folk-Bands spielen.

Zwischendrin shoppe ich mal in der Agra-Messehalle voller Stände (da gibt es alles vom maßgefertigten Korsett über bunte 50ies-Kleider bis Vampirzähne). Super interessant ist auch die Ausstellung über die Schwarze Szene in der DDR im ehemaligen Stasi-Hauptquartier im Museum in der Runden Ecke mit Fotos und (häufig unfreiwillig komischen) Auszügen über die Szene aus Stasi-Akten.

Grufti sein war in der DDR illegal. Beim WGT werden Auszüge aus Stasi-Akten ausgestellt

Daneben gab es noch jede Menge inoffizielle Szene-Events wie das Steampunk-Picknick am Samstag oder das „Gothic Pogo Festival“ im Werk2, Friedhofsführungen, Grusel-Stadttouren oder eine Ausstellung über „Morbide Kunst“ in der Leipziger Kunst Galerie. UND UND UND!

Die Programmvielfalt und die ganzen anderen Dinge, die man währenddessen in Leipzig ja auch noch machen kann, locken schon längst nicht mehr nur die reinen Szenegänger an und auch diverse ungotische Freunde von mir wurden schon fürs WGT ‚rekrutiert‘.

Mir gefällt es jedenfalls, dass ich an Pfingsten in Leipzig einfach mal ein schwarzer Punkt unter vielen sein kann, aus dem Alltag ausbrechen und eine gute Zeit inmitten lauter verrückt-schwarz-bunter Menschen und Events haben kann. In diesem Sinne…

WGT 2016 – komm bitte schnell!

Video mit Impressionen von der WGT-‚Flaniermeile‘ @agra Messepark, by Jan Prototyp

Was hat euch beim WGT am Besten gefallen? Auf welche Festivals würdet ihr gern mal fahren?

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6 Kommentare

  • Eva sagt:

    Wie schön ihr alle ausseht! Wahnsinn, bin echt begeistert und du schmeißt mich gerade erinnerungsmäßig zurück in die Neunziger. Ich bin zwar nie in der Szene gewesen, habe mich aber immer in den einschlägigen Gothic, Wave & Indie Etablisements und Konzerten herumgetrieben und mich von der Musik sehr angesprochen gefühlt. Dass Deine Lakein auch noch aktiv sind, haut mich gerade von den Socken. Ich krame gleich mal in alten Platten.
    Schön, dass die Szene noch so lebendig ist! Ganz toller Bericht und ich will sofort live dabei sein. Nächste Jahr dann 😉 darf man auch einfack nur gucken?

    • Susi sagt:

      Hallo Eva, vielen Dank, freut mich, dass du dich gleich ganz inspiriert fühlst! Na klar darf man auch einfach nur gucken! Wenn du aufs WGT möchtest, solltest du aber so früh wie möglich eine Unterkunft reservieren – am Besten dieses Jahr schon für nächstes. See you there! 🙂

  • Rabin sagt:

    Was für krass tolle Fotos, ich fühle mich sowas von angefüttert. 🙂
    Zum Lesen bin ich grad zu müde, dummerweise ist der Urlaub schon zu Ende. Aber morgen geht ja auch noch. ^^

    Rabenhafte Grüße und einen schöne Nacht. ^^

  • Manolo sagt:

    Hey Susitschka!

    wie immer hast du den (schwarzen ) Nagel auf den Kopf getroffen. Super Beitrag und sehr treffende Photos ( insbesondere das Erste – muss ein herrvoragender Photograf gewesen sein *gg* )

    Evil Grüße
    Nolo

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