Streetart und Graffiti in Berlin: Streifzug durch Prenzlauer Berg und Mitte

Wer sich wie ich für Streetart und Graffiti interessiert, kommt um Berlin nicht herum. Hier gibt es eine große Szene und auch viele internationale Künstler kommen regelmäßig vorbei und hinterlassen immer neue Werke. Trotzdem habe ich mich bei all meinen Berlin-Besuchen bisher nie systematisch auf Erkundungstour begeben, sondern immer nur im Vorbeigehen das ein oder andere entdeckt – oder auch nicht.

Ratten von ROA in der Schönhauser Allee

Gerade in den mir schon ziemlich bekannten Bezirken Prenzlauer Berg und Mitte wollte ich gerne mal auf der Suche nach bisher Übersehenem den ein oder anderen versteckten Hinterhof erkunden. Und so treffe ich mich an diesem erstaunlich frühlingshaften Samstag im März mit Paul von The Hidden Path.

Paul ist selbst Graffiti Artist und im Prenzlauer Berg aufgewachsen, er kennt die Szene und hat die Veränderungen im Bezirk über die Jahre miterlebt. Dementsprechend löchere ich ihn mit Fragen, während wir im Hinterhof einer alten verlassenen Fabrik mitten im gentrifizierten Ende der Schönhauser Allee herumstöbern, an dem ich bisher immer vorbeigelaufen war.

Hier stoßen wir auf ein Portrait-Werk des US-amerikanischen Streetart-Künstlers El Mac und ein abstraktes Mural von Augustine Kofie (Keep Drafting), dessen „Graffuturism“ ich schon in London bewundert hatte. Auch weiter hinten im Hof sind die Wände voll und es gibt einiges zu entdecken.

Paul erklärt mir die einzelnen Graffiti-Schriftzüge (die ich meist gar nicht entziffern kann) und „Crews“ (Zusammenschlüsse von Graffiti-Sprayern innerhalb der Szene), Techniken wie Pasteups, Stencils (Verwendung von Schablonen) und Ausrüstung wie Sprüh-Aufsätze, mit denen man spezielle Effekte erzielen kann. Einer der Artists verwendet sogar umgebaute Feuerlöscher und kann damit riesige Schriftzüge in großer Höhe ziehen (don’t try this at home!).

Wir sprechen über die Unterschiede zwischen Graffiti und Streetart, deren Szenen sich nicht immer grün sind. Während es bei Graffiti hauptsächlich um Schriftzüge geht, mit denen die einzelnen Crews miteinander kommunizieren und die für Außenstehende oft wie eine ‚Geheimsprache‘ wirken, transportiert Streetart oft eine verständliche ‚Message‘ und kann die unterschiedlichsten Formen annehmen, von Wandgemälden über Poster bis zu Skulpturen im öffentlichen Raum.

Dabei müssen Graffiti komplett an Ort und Stelle entstehen, während bei Streetart häufig mit Schablonen und anderen Materialien bzw. Teilen gearbeitet wird, die zuhause vorbereitet werden können – auch ein Grund, weshalb viele Graffiti Sprayer auf Street Artists herabschauen und diese verächtlich als ‚Kunststudenten‘ betiteln, während Graffiti ja häufig einfach als nunnütze Schmiererei abgetan wird. Verallgemeinern lässt sich dies alles natürlich nicht und so gibt es zwischen den Szenen und Stilen fließende Übergänge und eine große Bandbreite.

Geht auch: Graffiti mit dem Feuerlöscher

Häufig in Berlin zu sehen: „Little Lucy“, ein Comic-Character von Street Artist El Bocho, die auf kreative Art und Weise immer ihre Katze umbringt.

Es war einmal ein Auto… mehr Kunst aus Schrott und Plastikfolie: Bosso Fataka:

Wir ziehen weiter Richtung Rosenthaler Straße, wo Paul auf einmal einen Bauzaun beiseite schiebt. Wir klettern hinein und entdecken in einer Häuserlücke noch mehr Graffiti – einiges davon ist schon viele Jahre alt und ich wundere mich einmal mehr, wie sich inmitten all der Gentrifizierung in dieser Gegend in den letzten Jahren solche ‚Inseln‘ erhalten haben (die Frage ist allerdings, wie lange noch…).

Ich frage Paul, ob es noch Überreste der Aktion „Wrinkles in the City“ des französischen Streetart-Künstlers JR gibt, der letztes Jahr riesige Schwarz-Weiß-Fotografien älterer Bewohner der Stadt an diverse Berliner Häuserwände klebte. Mittlerweile ist der Großteil Wind und Wetter zum Opfer gefallen, doch um die Ecke finden wir noch die Überreste zweier Porträts.

Wir ziehen weiter durch die Straßen und entdecken noch mehr Graffiti und Streetart an Wänden, in Häusernischen, in Hinterhöfen. Fast scheint es, als entwickele man nach einer Weile einen speziellen Sinn dafür, sobald man die Augen offen hält und gezielt Ausschau hält. (Umso besser, wenn man einen Einheimischen dabei hat, der zufällig selbst in der Szene ist und einem spannende Dinge zu den einzelnen Funden erzählen kann).

Ein Hof bzw. eine Baustelle, die wir heimlich erkunden wollen, ist verschlossen (passiert…), doch dann geht es eben spontan woanders hin weiter.

Zum Schluss landen wir im bekanntesten aller Streetart- und Graffiti Hinterhöfe: dem Hof des Haus Schwarzenberg beim Hackeschen Markt, in dem sich Künstlerateliers und Galerien sowie eine Bar und ein Programmkino befinden (noch so eine ‚Insel‘ in dem mittlerweile schicken Kiez).

Wer hier noch nie war, sollte auf jeden Fall mal einen Abstecher machen – jeder Quadratmeter Wand ist voll mit unterschiedlichsten Werken und die Galerie Neurotitan im Hinterhaus mit wechselnden Ausstellungen und dem coolen Shop lohnen definitiv einen Besuch.

Den Kopf voller Eindrücke und Geschichten verabschiede ich mich anschließend von Paul, der mir noch ein paar tolle Berlin-Tipps mit auf den Weg gibt – Futter für meine nächste Erkundungstour…

Und hier lest ihr weiter: auf Streetart-Tour in Kreuzberg

Vielen Dank an Paul und The Hidden Path für den netten Nachmittag und die Einladung zu dem interessanten Streifzug durch Berlin! Mehr Infos zu den alternativen und individuellen Stadttouren jenseits des Mainstreams in Berlin findet ihr unter www.thehiddenpath.de.

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16 Kommentare

  • QWoo sagt:

    Das best erhaltene Überbleibsel von JR’s #wrinklesofthecity dürfte dieses hier nahe des Humboldthain sein: http://instagram.com/p/f70ozeKnMx/ Sieht glücklicherweise noch fast unverändert aus.

  • Jay F Kay sagt:

    Streetart schaue ich mir auch immer gerne an, aber gezielt bin ich noch nie losgetigert. Schöner Artikel, werde so eine Tour bei The Hidden Path auch mal ins Auge fassen. Wobei so ein Workshop ja auch was hat.

    • Susi sagt:

      Danke, ja, ich kann so eine Tour nur empfehlen, mit einem Workshop hab ich auch schon geliebäugelt. 😉 In anderen Bezirken wie Kreuzberg gibt’s allerdings auch noch jede Menge zu entdecken…

  • SchönerArtikel!
    Ich wohne im Prenzlauer Berg und habe viel wiedererkannt, trotzdem auch neues erfahren & entdeckt. Es freut mich, wenn das, was noch da ist, festgehalten wird, so viel ist schon verschwunden (ich wohne seit 14 Jahren hier und werde auch gerade wegsaniert).

    Die Berliner Regierung ist so doof, verkaufen ganze Straßenzüge an ausländische Investoren und wundern sich dann, wenn diese die Häuser dann als Geldanlage leer stehen lassen und ihr Geld fröhlich woanders ausgeben.

    Auch ohne Nostalgie und Emotionen: Es wäre schlauer, den Berlin-Flair und günstige Mieten zu erhalten, für kreative Startups, die dann hier Steuern zahlen und Jobs schaffen, und für die Tourismusbranche.

    • Susi sagt:

      Danke Maike – ja, da stimme ich Dir voll und ganz zu!! Ich bin mir nicht sicher, ob sich die Entwicklung anhalten oder umkehren lässt, aber wünschenswert wäre es, denn das macht Berlin ja so attraktiv.

  • Rabin sagt:

    ich bedanke mich für den tollen Bericht. ^^ Wenn ich es wirklich schaffe, wieder öfter in Berlin zu sein (so ist zumindest der Plan ;), weiß ich, wo ich auch hintigern werde.

    • Susi sagt:

      Danke, das freut mich! Ich empfehle Dir an dieser Stelle auch gleich die Gegend vom Kottbusser Tor zum Görlitzer Bahnhof. 😉 Ich wünsche Dir viel Spaß beim Erkunden!

  • Selina sagt:

    Genau solche Dinge machen meiner Meinung nach den Reiz einer Reise aus. Nicht die „Mainstream-Sehenswürdigkeiten“ oder die überfüllten Inn-Restaurants und Shoppingmeilen. Sondern genau diese kleinen Besonderheiten, die eine Stadt/ein Land interessant machen. Ich liebe das Reisen und bin dementsprechend auch immer froh, solche Insidertipps zu erhalten. Diese Kunstwerke sind nämlich in keinen Reiseführer erwähnt, und die wirklichen „Sehenswürdigkeiten“ einer Stadt entdeckt man sowieso nur mit viel Glück oder mit Hilfe von Einheimischen. Bei meinen nächsten Aufenthalt in Berlin werde ich auf jeden Fall einen Abstecher in den Hof des Haus Schwarzenberg machen, danke für die Anregung!

    • Susi sagt:

      Danke Selina, mir geht es da genauso – einer der Reize am Reisen ist das Erkunden/Entdecken des scheinbar zufälligen – nur, dass man manchmal einfach mehr sieht, wenn man mit Einheimischen loszieht – sei es mit einer Tour! Außerdem mag ich gerade an Streetart, dass man manchmal etwas entdeckt, woran man sonst vielleicht xmal einfach vorbeigelaufen wäre, oder das vor Kurzem noch gar nicht da war, oder beim nächsten Mal nicht mehr da sein wird. Ich freue mich, dass ich Dich inspirieren konnte und wünsch Dir bei Deinem nächsten Trip viel Spaß beim Erkunden!

  • Christiane sagt:

    Supertolle Motive! Ich mag ja ganz besonders die Fahrradszenen, würd ich sehr gern auf meinem Blog zeigen – darf ich (mit Verlinkung hierher natürlich)?
    Würd mich sehr freuen.
    Liebe Grüße
    Christiane
    diefahrradfrau@gmail.com

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