Fernes Land ganz nah – das Indische Filmfestival in Stuttgart

Wenn auf einmal eine riesige Elefantenfigur in der Stuttgarter Innenstadt auftaucht, exotische Essensdüfte durch die Bolzstraße ziehen, die Sari-Dichte im Stadtbild proportional ansteigt und die Eisdiele neben dem Kino mehrere neue Sorten köstliches Mango-Eis ins Programm nimmt, dann ist es wieder soweit: das Indische Filmfestival ist in der Stadt!

Zur Eröffnung am 17. Juli steigen Temperaturen und Luftfeuchtigkeit passenderweise auf fast schon indische Verhältnisse. Vor dem Kino Metropol in der Innenstadt wird ein roter Teppich ausgerollt, schwarze Limousinen spucken wunderschöne Frauen in Saris aus, indische Regisseure, Schauspieler und Ehrengäste – ich schaue mich um und habe auf einmal das Gefühl, als könnte jeder hier ein Star sein – in Indien!

Die meisten Stars kennt man hierzulande ja gar nicht. Bis auf ein paar frühere Besuche beim Indischen Filmfestival und ein paar Bollywood-Schinken bei RTL2 ist der indische Film für mich genauso eine große Unbekannte wie der indische Subkontinent selbst. Faszinierend, anziehend und abstoßend zugleich, exotisch-anders, bunt, ambivalent.

Denkt man an indischen Film, dann denkt man natürlich zuerst an Bollywood. Und natürlich wird dem deutschen Publikum beim Indischen Filmfestival auch der ein oder andere Bollywood-Schinken zum Fraß vorgeworfen. Ich persönlich bin eigentlich gar kein Fan von Bollywood-Filmen, von den Gefühlsorgien und plötzlichen Gesangseinlagen, dem Stockkonservativen hinter der modernen Fassade. Aber zum Glück ist das nur ein kleiner Teil beim Indischen Filmfestival: Da gibt es ganz unterschiedliche Spielfilme vom Krimi bis zum Drama, aber auch Kurzfilme, Dokumentarfilme über Indien und ein Rahmenprogramm mit Tanzworkshops und Diskussionsrunden.

Mir scheint, als ginge es in indischen Filmen meist um den Konflikt zwischen Individuum und den Zwängen der traditionellen Gesellschaft. Im Eröffnungsfilm „Bombay Talkies“ mit seinen vier Episoden ist das jedenfalls so: Da ist der kleine Junge, der lieber tanzen will, aber von seinem Vater zum Fußball gezwungen will oder der homosexuelle Redakteur, der sich in den Ehemann seiner befreundeten Chefin verliebt. Das Ganze ist überraschend mitreißend, dramatisch, aber auch kurzweilig und witzig inszeniert.

Zu den Pionieren des Bollywood-Films zählt ausgerechnet ein Münchner Regisseur: Franz Osten. Dessen Stummfilm „Schicksalswürfel“ von 1929 wurde zum Highlight am Samstag, wo der Film live von Star-Sitar-Spieler Nishat Khan und zwei weiteren Musikern begleitet wurde. Mein erstes Stummfilmkonzert! Und hoffentlich nicht mein letztes…

Ich weiß nicht, wie lange ich schon nach Indien reisen möchte (und was mich eigentlich so lange davon abgehalten hat?!). Indien ist jedenfalls weit oben auf der Liste meiner „weißen Flecken“, und solange ich nicht nach Indien komme, kommt zumindest ein kleines Stück Indien für ein paar Tage zu mir, in Form des Indischen Filmfestivals.

Mehr Infos findet Ihr unter www.indisches-filmfestival.de.

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