Reisepannen: Gestrandet im Nirgendwo in Neuseeland

„Wie, der Bus fährt hier nicht mehr??“, frage ich völlig verzweifelt den Busbahnhof-Vorsteher. Immerhin habe ich mich gerade a) zu Fuß mit 20 kg Gepäck im Hochsommer durch die halbe Stadt geschleppt, b) Einheimische gefragt, die mich hier herschickten und c) will ich einfach nur noch weg.

Weg aus Christchurch, der größten Stadt auf der Südinsel von Neuseeland, die vor zwei Jahren von einem schrecklichen Erdbeben verwüstet wurde und seither noch nicht wieder aufgebaut ist. Weshalb auch die Überlandbusse seitdem nicht mehr vom Busbahnhof in der Innenstadt abfahren, sondern irgendwo weiter nördlich. Was hier vermutlich jeder weiß, nur ich nicht (und es stand auch nicht auf meinem Ticket). Mist.

Im Stadtzentrum von Christchurch – zwei Jahre nach dem Erdbeben

Schnell wird dank des hilfsbereiten und Mitleid-mit-mir-habenden Busbahnhof-Vorstehers klar, dass es auch schon zu spät ist, um mit dem Taxi noch rechtzeitig zur richtigen Haltestelle zu kommen – viele Straßen im Stadtzentrum sind seit dem Erdbeben gesperrt und der Verkehr äußerst kompliziert. ABER: Es gäbe da eventuell einen Plan B. „Lass mich kurz telefonieren!“

Der Plan B erscheint mir zugegebenermaßen leicht verrückt und sieht so aus: Ich versuche gemeinsam mit einer Taxifahrerin, den Bus einzuholen und anzuhalten, bevor er die Stadtgrenzen verlässt. (Das scheint wie ich später erfahren habe übrigens eine gängige Praxis in Neuseeland zu sein). Die Taxifahrerin gibt alles, doch es ist Rush Hour. Wir steuern die beiden weiteren Haltestellen in den Vororten an, doch keine Spur vom Bus. Dann sind wir auf einmal schon am Highway. „Hier kann ich schneller fahren und ihn vielleicht noch einholen!“, meint die Taxifahrerin. Es käme da noch eine Kleinstadt, wo der Bus wohl auch hält.

Ich denke ‚was soll’s, wir versuchen’s!‘, zum Umkehren nach Christchurch ist es jetzt auch schon zu spät, mal davon abgesehen, dass ich nicht dorthin zurück will, sondern nach Picton in den Norden der Nordinsel, und das der letzte und einzige Bus dorthin war. Und dass ich weiß, dass die wenigen nach dem Erdbeben verbleibenden Hostels in Christchurch bereits alle ausgebucht sind. Und dass das Taxameter sowieso schon jenseits von Gut und Böse steht.

Verfolgungsjagd durch die neuseeländische Pampa

Das Taxameter rast weiter, die Taxifahrerin auch, aber es ist verflixt – kein Bus in Sicht! Mittlerweile sind wir ganz schön weit außerhalb von Christchurch, auf dem Land. Im Nirgendwo. Ich will mir noch nicht so ganz eingestehen, dass die Aktion gescheitert ist. „Wir kommen gleich in einen kleinen Ort, da gibt es einen Campingplatz, da kann ich Dich absetzen,“ meint die Taxifahrerin, „danach kommt nämlich ganz lange nichts mehr!“

Und so bin ich an diesem Februarabend, Tag 3 in Neuseeland, in einem kleinen Kaff entlang eines Highways auf einem Campingplatz gestrandet, ohne zu wissen, wo ich überhaupt bin und wie der Ort überhaupt heißt.

Kennt Ihr das, wenn auf Reisen manchmal alles schief läuft und einfach alles zusammen kommt?

Im Nirgendwo am neuseeländischen Highway

Als wir in den Campingplatz einbiegen, steuere ich jedenfalls auf meinen absoluten Tiefpunkt zu. Ich bin ganz alleine am Ende der Welt und weiß noch nicht mal wo. Ich bin auf einem Campingplatz – ohne Campingzeug. Ich habe soeben hunderte von Dollars an Folgebuchungen für Übernachtungen, Tickets und Touren verloren, die ich jetzt nicht mehr canceln kann. Das Taxameter zeigt auch 130 Dollar. Ich habe versucht, über Land einen Bus im Taxi einzuholen, verdammt! Wer ist eigentlich so bescheuert?? Zudem bin ich eh schon übernächtigt und eigentlich auch noch kränkelnd und sowieso grade total überfordert. Was mach ich eigentlich hier? Was mach ich eigentlich in Neuseeland?? Ich will zurück nach Australien! Und überhaupt…

Der Besitzer vom Campingplatz kommt auf uns zu und verspricht zu schauen, was er tun kann. Und dann passiert’s. Ich versuche, mich total zusammenzureißen, aber mir kommen einfach die Tränen. Das darf jetzt nicht wahr sein. Wie oberpeinlich!! Die nette Taxifahrerin bietet mir an, dass ich bei ihr übernachten kann, falls es keinen Platz mehr auf dem Campingplatz gibt und erlässt mir 20 Dollar. Der Campingplatzbesitzer organisiert eine Hütte zum Übernachten für mich für ’nur‘ 50 Dollar. Darin sitze ich dann kurze Zeit später (noch leicht angeschlagen) und versuche per Handy Buchungen zu stornieren und einen neuen Plan B zu organisieren (es gibt dort auch kein Internet), als mir klar wird: Ich brauche einen Drink!

Gestrandet in einer Campingplatzhütte in einer kleinen Stadt irgendwo in Neuseeland

Für solche Situationen sollte man auf Reisen ja immer einen Flachmann dabeihaben. Hab ich natürlich damals noch nicht gewusst. Also schwärme ich aus und erkunde die kleine Stadt im Nirgendwo. Sie heißt Amberley, hat 1.300 Einwohner, ihr berühmtester Bewohner ist irgendein Held aus dem Zweiten Weltkrieg und ansonsten dreht sich hier fast alles um Landwirtschaft (hauptsächlich Schaffarmen), wie ich später herausfinde.

Jetzt, am Abend, sind die Bürgersteige schon hochgeklappt, Supermarkt und Liquor Store dummerweise schon zu. Niemand ist auf der Straße zu sehen, außer drei einheimischen Jugendlichen, die mich neugierig anstarren. Ich folge der Hauptstraße, entlang an Wohnhäusern mit mehr oder weniger gepflegten Vorgärtchen und ein paar kleinen Shops des täglichen Bedarfs, Tankstellen und ein Truckstop. Ich mache mich auf die Suche nach einem Pub.

Ganz schön was los in Amberley

Letztendlich finde ich ein recht schnuckeliges Mittelding zwischen einem Restaurant und einer Kneipe, die nicht um 20:30 schließt. Auch hier ist nicht viel los und die wenigen Gäste beäugen mich neugierig. Ich lande an der Bar und komme mit der Wirtin und ihrer Tochter ins Gespräch. Woher ich komme, dass ich nur durch Zufall nach Amberley gekommen bin (ich erzähle ihnen, dass ich gestrandet bin), dass ich alleine durch Neuseeland reise (was die Wirtin ziemlich krass findet, so als Frau ganz alleine und so). Offensichtlich verirren sich nicht oft Reisende wie ich in Amberley. Die Tochter der Wirtin verkündet, sie will weg aus Amberley, erst zur Uni und dann auch alleine um die Welt reisen. „Wie alle jungen Leute hier“, seufzt die Wirtin.

Zwei wirklich gute neuseeländische Pinot Noirs später fühle ich mich einigermaßen wiederhergestellt. Die Wirtin begleitet mich sogar ein Stück raus und zeigt mir, wo genau an welchem Truckstop ich am nächsten Morgen auf den Bus warten soll. Dann wünscht sie mir viel Glück.

Es gibt Situationen auf Reisen, für die man besser einen Flachmann dabeihaben sollte

Auf dem Nachhauseweg durch den verlassenen Ort frage ich mich: Kann man in einer Großstadt „stranden“? Nicht wirklich, oder? Sich alleine im Nirgendwo gestrandet und verloren fühlen geht nur in einer kleinen Stadt. Vielleicht noch in einem winzigen Kaff oder gleich in der Wildnis. Wäre ich in einer großen Stadt hängengeblieben, wäre die Geschichte anders verlaufen. Es hätte sich auch anders angefühlt.

Ich werde diese kleine Stadt jedenfalls nie mehr vergessen. Ob ich nochmal hinreisen würde? Um Himmels Willen!! Aber aus dem Chaos und dem Nirgendwo ist an diesem Abend ein schwarzer Punkt namens Amberley auf meiner persönlichen Weltkarte entstanden, von dem ich sonst vermutlich niemals gewusst hätte.

Trotzdem: Als ich am nächsten Morgen in aller Herrgottsfrühe mit meinem Rucksack am Highway stehe und zwischen den Autos und Trucks auf einmal den herannahenden Intercity-Bus entdecke, bin ich einfach nur erleichtert.

Dies ist ein Beitrag zur von mir initiierten Blogparade zum Thema „Kleine Städte“.

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16 Kommentare

  • Patrick sagt:

    Tolle Story!
    Verständlich, dass Du mal kurz neben der Spur warst. Aber aus solchen Dingen lernt man ja auch: Selbst wenn alles schief geht und sich alles gegen dich verschwört: Das Leben geht weiter und kurze Zeit später ist es .. eine tolle Story 🙂

    • Susi sagt:

      Danke! Das hab ich mir dann auch versucht einzureden: Jetzt fühlt es sich furchtbar an, im Nachhinein ist es eine gute Geschichte! 😉

  • Thomas sagt:

    Ich hatte das vor einigen Jahren auf einer Reise durch die Philippinen fast die ganze Reise durch. Einmal auch im Bus irgendwo Nachts angekommen und ging nichts mehr (zwnagsweise dort übernachtet). Am Hafen angekommen und Fähre war weg (statt dessen abgezockt worden mit privaten Boot). Wollte einen Inlandsflug machen und wurde auf Warteliste gesetzt (Nr. 20 oder so). Alle wurden aufgrufen und genau vor mir war Schluss (dann halt zwangsweise in Manila nochmals übernachtet). Habe daher die Philippinen gar nicht gut in Erinnerung. Wenigstens war ich zum Schluss noch paar Tage in Thailand und das war gut.

    • Susi sagt:

      Oh nein!!! Was für eine Pechsträhne! Da bin ich ja froh, dass es bei mir in Neuseeland nicht die ganze Zeit so weiter ging! Nachdem ich Picton an der Nordküste erreicht hatte und später Nelson, lief alles wieder besser. Wäre interessant zu wissen, ob Du den Philippinen irgendwann nochmal ne Chance gibst?

      • Thomas sagt:

        Hallo Susi,

        das ist ein wirklich gute Frage … Nun vielleicht schon irgendwann. Meine Frau hatte die Philippinen erst für unsere Reise an Weihnachten ins Gespräch gebracht (sind dann aber nach Thailand geflogen). Interessant ist das Land. Aber ich habe erst neulich bei einem Backpacker in seinen Blog gelesen, dass er ähnliche Erfahrungen wir ich gemacht hat. Da scheint sich das Land nicht geändert zu haben. Da mag ich zum Beispiel Thailand viele lieber (wie dort die Hilfsbereitschaft ist).

        Lg
        Thomas

        • Susi sagt:

          Hhm, interessanterweise habe ich von den Philippinen auch schon ähnliche Stories gehört, aber eben auch total begeisterte – scheint eher ambivalent zu sein (?? ich selbst war noch nie da)… Aber Thailand ist toll! Mag ich auch sehr und würde immer wieder hinreisen.

  • Max sagt:

    Es ist schon zu viel schief gegangen. Das (für mich) ärgerlichste Erlebnis hatten wir in China. Wir wollten zu einem Seengebiet um dort etwas zu wandern. Die Fahrt dorthin war schon eine Odyssee und hat glaube ich dreimal so lange gedauert wie geplant. Als wir dann endlich vollgeschwitzt und fertig ankamen und uns gerade überlegt haben, vielleicht auch eine kleine Bootstour zu machen, begann es zu regnen. Da es lange nicht mehr aufhörte entschieden wir uns die nächsten Punkte auf unserem Trip anzusteuern. Leider dauerte die Fahrt zum nächsten Planpunkt wieder ziemlich lange. Im Endeffekt mussten wir einige Ziele streichen. Das war zwar nicht so schlimm wie dein Erlebnis, geärgert hat es mich trotzdem.

    • Susi sagt:

      Oh je… das macht einen richtig fertig, wenn es auf Reisen nicht nach Plan läuft und man die Dinge nicht sieht oder erlebt, die man sehen und erleben wollte, gell? Schon ärgerlich, wenn alles schief geht, aber eigentlich gehört das ja zum Reisen dazu und unvorhergesehene Situationen und Pannen machen es abenteuerlich und geben nachher gute Geschichten (das hofft man jedenfalls!)

  • Heike sagt:

    ohje, Aber tolle Geschichte!
    Wenn es sich hier nicht um die netten Neuseeländer handeln würde, dann würde ich sagen: die haben dich abgezockt. 😉

    • Susi sagt:

      Haha, aber echt! Das war auch so ein ungutes Gefühl 😉 Allerdings war ich zu dem Zeitpunkt die Down Under-Preise (zur Hauptsaison) ja schon gewohnt!

  • Franka sagt:

    Ein interessanter Bericht. Das ist nun eine von den kleinen Orten, wo eigentlich niemand leben möchte.
    LG, Franka

    • Susi sagt:

      Hi Franka, ja ich glaub auch 😉 Von diesen kleinen Orten gibt es unglaublich viele auf der Welt, und doch leben viele da und vielen gefällt’s… Ich war jedenfalls froh, weiterreisen zu können. Aber wer weiß, vielleicht komme ich bei meiner nächsten Neuseeland-Reise ja doch wieder vorbei (oder aus nostalgischen Gründen zurück?) 😉

  • Jessi sagt:

    Super Beitrag, auch wenn es keine fröhliche Geschichte ist. Wirklich unglaublich, was man auf Reisen alles so erlebt. Schön, dass du wieder heil zurück gekommen bist! 🙂

    Liebe Grüße
    Jessi

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