Legenden aus Stein, Teil 2: Tempelhopping in Angkor Wat mit dem Fahrrad

Es ist kurz vor acht Uhr morgens, als das Tuktuk in unsere Einfahrt tuckert. Ein schickes Tuktuk (in Kambodscha sieht das aus wie eine Pferdekutsche gezogen von einem Motorrad) mit Fahrrädern hinten drauf. Eigentlich waren wir ja von ähnlichen Ausfahrten zu alten Tempeln in Sukhothai in Thailand und Bagan in Myanmar klapprige Damenräder ohne Gangschaltung gewohnt, aber das hier waren tatsächlich richtige Mountainbikes! Heute würden wir die Tempelanlagen von Angkor Wat auf einer geführten Fahrradtour erkunden. Und es sah ganz so aus, als sollten wir sie mit Stil erkunden, d.h. mit Profi-Bikes, einem eigenen Guide und einem Versorgungs-Tuktuk mit Fahrer!

Nach einer kurzen Einweisung ging’s los. Die Tempelanlagen beginnen ca. 6 km außerhalb der Stadt Siem Reap, d.h. wir schlängelten uns erst mal durch den abenteuerlichen Stadtverkehr und dann die Ausfallstraße nach Angkor Wat entlang. Wie locker das auf einmal ging mit diesen High-Tech-Bikes!

Unsere erste Station war der ‚Haupttempel‘ Angkor Wat, die angeblich größte Tempelanlage der Welt. Wie groß die wirklich ist, zeigte sich gleich, nachdem wir die Räder vor dem Westeingang geparkt hatten. Bis man zum ‚eigentlichen‘ Tempelgebäude kommt, überquert man nämlich erst mal einen riesigen Wassergraben, eindrucksvolle Steintore und eine parkähnliche Anlage.

Innen war ich das erste Mal wirklich hin und weg: Die Gänge, Treppen, Türme, die Galerien von Stein-Reliefs, die Verzierungen überall. Ich war beeindruckt. Was konnte jetzt noch kommen? War das überhaupt noch zu übertreffen??

Wir verließen Angkor Wat durch das Osttor, das einsam und verlassen in einen Wald führt (was für ein Gegensatz zum wuseligen Haupteingang!).

Am Wasserreservoir von Angkor Wat entlang und durch den Wald ging es nun weiter zum Südtor der alten Stadt Angkor Thom, das auf der einen Seite von einer langen Reihe steinerner Götter, auf der anderen von Dämonen flankiert wird.

Götter oder Dämonen? Ratet mal!

Unser Tuktuk-Fahrer wartete hier schon mit unseren Bikes auf uns. Unser nächstes Ziel: Bayon – der Tempel der Gesichter. Bayon liegt genau im Zentrum der Ruinenstadt Angkor Thom – im Mittelalter die Hauptstadt des Khmer-Reichs Angkor. Heute sind nur noch die alten Stadtmauern und -tore erhalten sowie die Ruinen der Tempel. (Die Wohngebäude waren aus Holz gebaut und sind längst vergangen, nur die Bauwerke für die Götter waren aus Stein). Damals soll die Stadt mehrere hunderttausend Einwohner gehabt haben – und muss somit eine der größten wenn nicht die größte Stadt der Welt gewesen sein!

Als wir uns Bayon näherten, sah ich durch die Bäume hindurch erst mal nur graue Gesteinshaufen. Erst wenn man auf das Eingangstor zugeht, erkennt man eine Ansammlung von Türmen  – mit Gesichtern darauf!

Im Unterschied zu Angkor Wat ist Bayon als buddhistischer Tempel gebaut und nicht als Hindu-Tempel. Die Gesichter sind daher entweder die von Buddha oder die eines berühmten Bodhissatva. Man munkelt außerdem, dass sie dem damaligen König Jayavarman VII. verdächtig ähnlich sehen, der Bayon als seinen Staatstempel erbauen ließ. Schon klar, oder? 😉

I see faces! Keine Angst, das gehört so.

Ähnlich wie bei Angkor Wat war ich von Bayon erst auf den zweiten Blick begeistert, nämlich aus der Nähe. Beim Anblick der Reliefgalerien, die den Tempel umgeben und eine der wenigen Quellen vom damaligen Leben im Khmer-Reich sind, beim Durchstreifen der engen Terrassen und Gänge zwischen den Türmen, bei denen ich immer mehr der riesigen steinernen Gesichter aus verschiedenen Perspektiven entdeckte.

Doch schon ging’s weiter zum nächsten Tempel: Banteay Srei. Der liegt ca. 40km weit ab vom Schuss und so ließen wir die Fahrräder aufladen und stiegen bequem in unser Tuktuk. Was folgte, war eine schöne Landpartie, zunächst entlang weiterer Tempelruinen, dann durch Dörfer und vorbei an Feldern. Unterwegs machten wir in einem Dorf halt und aßen im Haus einer Familie ein wundervolles Picknick-Lunch.

Da Banteay Srei so weit außerhalb liegt, galt er lange Zeit als Geheimtipp. Am späten Nachmittag waren jedenfalls nur wenige Leute dort. Banteay Srei wird auch der „Lady Temple“ genannt. Grund sind die extrem filigranen Steinverzierungen aus einem hellen, rosa Stein. Banteay Srei ist vor allem eins: wunderschön! Im Gegensatz zu anderen Tempeln sind die Verzierungen sehr gut erhalten und sehen aus, als wären sie erst kürzlich entstanden. Und dabei sind sie schon über 1.000 Jahre alt!

Im Spätnachmittagslicht fuhren wir in unserem Tuktuk zurück in Richtung Angkor Wat, zum letzten Tempel-Highlight der Tour: Ta Prohm, manchen besser bekannt als „Tomb Raider“-Tempel oder „Lara Croft“-Tempel. Und ja, Ta Prohm ist echt der perfekte Drehort!

Düster und verwunschen, von den riesigen Wurzeln der Dschungelbäume halb zerstört und verfallen, die Mauern mit Flechten und Moosen bewachsen und die Gesichter der Statuen und Reliefs abgeschliffen wie die von Aliens.

Ich hätte noch ewig durch die Tempelruinen streifen können, leider ging die Sonne schon unter, Ta Prohm musste schließen und wir stiegen für die Rückfahrt nach Siem Reap ein letztes Mal auf unsere Bikes. Ein echt toller Tag!

Fazit: Am meisten überrascht hat mich, wie unterschiedlich die Tempel sind, die großen Tempel haben alle ihren eigenen Charakter und ihre ganz eigene Atmosphäre. Die Tempel von Angkor mit dem Fahrrad zu erkunden macht wirklich Spaß und ist eine empfehlenswerte Alternative zu Tuktuk und Taxi. Für eine ‚kleine‘ Runde zu den Highlights Angkor Wat, Angkor Thom / Bayon, Ta Prohm und zurück nach Siem Reap seid Ihr ca. 15-20 km unterwegs. Da es ziemlich heiß ist und die Wege nur teilweise im Schatten sind, Sonnenschutz und Wasser nicht vergessen!

Wart Ihr schon mal in Angkor Wat? Wie habt Ihr die Tempel erkundet? Welche haben Euch besonders gut gefallen?

Disclaimer: Ich wurde von Backyard Travel auf diese Fahrradtour eingeladen. Alle Ansichten sind meine eigenen.

 

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6 Kommentare

  • QWoo sagt:

    Wow, wirklich tolle Fahrräder! Da scheinen einige Touristendollars mittlerweile auch in der Zweiradversorgung angekommen zu sein. 🙂

    • Susi sagt:

      Haha, ich glaube, unsere tollen Fahrräder waren tatsächlich die Ausnahme, die meisten anderen hatten tatsächlich die alten klapprigen Damenräder mit Körbchen vorne dran (die haben wir dann überholt! ;-))

  • Max sagt:

    Wow! Da kommt sogar im heimischen Wohnzimmer Abenteuerfeeling á la Indiana Jones auf, auch wenn Lara Croft dort ihr Unwesen trieb. Was hatte das Versorgungs-Tuktuk zu bieten?

    • Susi sagt:

      Das freut mich! Ich liebe das Indiana-Jones-Feeling! 🙂 Das Versorgungstuktuk hatte gekühltes Wasser und Snacks, und bequeme Sitze zum Ausruhen 😉 Außerdem hatte es tatsächlich einen Ständer zum Befestigen der Fahrräder hinten dran, was ich in Südostasien vorher noch nie gesehen hab!

  • Anette sagt:

    Hallo Susi,

    die Tour klingt echt super. Ich möchte auch bald Angkor besichtigen, habe aber nur etwa 1,5 Tage vor Ort. Mit dem Fahrrad das Areal zu erkunden ist sicher toll, aber wenn man nur wenig Zeit hat, ist es sicher sinnvoll – wie du es gemacht hast – einen Guide und ‚Versorgungs-Tuktuk‘ zu organisieren. Wo hattet ihr das denn gebucht? Und was hat der Ausflug in etwa gekostet?

    Viele Grüße,

    Anette

    • Susi sagt:

      Hallo Anette,
      wie schön! Wir haben unsere Tour mit Backyard Travel (http://www.backyardtravel.com/) gemacht, das war definitiv etwas teurer und luxuriöser, da müsstest du mal anfragen! Es geht aber auch sehr gut individuell! Fahrer oder Fahrräder kann man über die meisten Guest Houses oder Hotels leicht organisieren, und vor Ort ist alles auch recht leicht zu finden und die Tempel ausgeschildert. Ich wünsch dir eine tolle Reise!
      Susi

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