Deception Island: Wandern auf einem Vulkan in der Antarktis

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Es ist morgens um sieben, als wir durch eine schmale Öffnung im Fels vorsichtig in den Vulkan hineinfahren. Wie ein Ring ragt die Insel Deception Island aus dem subantarktischen Meer – die Spitze eines Vulkankraters. Innendrin, in ihrer Caldera, wollen wir ankern und für eine Wanderung an Land gehen. Das Spannende: Die ganze Insel ist ein aktiver Vulkan.

Fahrt in den Vulkan

Nur eine schmale, etwa 200 Meter breite Öffnung führt ins Innere der ringförmigen Insel, hinein in den Kratersee. Die schmale Einfahrt heißt nicht ohne Grund „Neptuns Blasebalg“. Die Meerenge gilt als trügerisch mit starken Winden und unter Wasser liegenden Felsen. Während unser Schiff, das Expeditionskreuzfahrtschiff MS Midnatsol von Hurtigruten, langsam hindurchmanövriert, stehe ich wie gebannt an Deck – untypisch für mich um diese frühe Uhrzeit, doch wann fährt man schon mal in einen aktiven Vulkan?

Deception Island Antarktis Neptuns Blasebalg

Deception Island Fahrt in den Vulkan Kaldera

Antarktis Kreuzfahrt Oberdeck Blick

Bei dem strahlendem Sonnenschein an diesem Sommermorgen im Dezember wirkt die Insel allerdings recht einladend, zumal sie nicht eisbedeckt ist. Das fanden wohl auch einige Walfänger, Robbenfänger und Forscher gut, die die Insel im 19. Jahrhundert entdeckten und hier im Schutze des natürlichen Caldera-Hafens Station machten.

Nachdem wir die Meerenge Neptuns Blasebalg erfolgreich passiert haben, kommt zu unserer Rechten die Bucht „Whalers Bay“ in Sicht, in der die Überreste menschlicher Aktivitäten besonders gut sichtbar sind: Mit bloßem Auge erkennen wir die verlassene Walfängerstation mit ihren halbverfallenen Gebäuden und riesigen, vor sich hinrostenden Kesseln.

Es war die südlichste Trankocherei der Welt, um 1910 herum betrieben von Norwegern. Auch eine Landebahn gibt es an diesem kuriosen Außenposten menschlicher Zivilisation, von der 1928 der erste motorisierte Flug in der Antarktis startete. Zwei nur noch im Sommer betriebene Forschungsstationen gibt es heute auch noch. Ansonsten ist alles verlassen – bis auf eine große Zügelpinguin-Kolonie und ein paar große, dicke Robben, die faul am Strand in der Sonne liegen und sich hell und deutlich von dem schwarzen Vulkansand abheben.

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Antarktis-Whalers-Bay-Decetion-Island-verlassene-Orte

Robbe-am-Strand-AntarktisDie alte Walfangstation in Whaler’s Bay ist heute (fast) verlassen.

Eine Vulkanwanderung am Ende der Welt

Wie gerne wäre ich in Whaler’s Bay an Land gegangen, um die Überreste der verlassenen Walfangstation zu erkunden! Was für ein faszinierender Lost Place am Ende der Welt! Doch unser Ziel liegt am hinteren Ende der Caldera und trägt den kuriosen Namen „Telefon Bay“. Ich kann jedoch bestätigen, dass es in der Bucht kein Telefon gibt. Der Name erinnert an die SS Telefon, ein Versorgungsschiff, das hier 1908 strandete und auf Reparatur wartete. Wir ankern in Sichtweite der Bucht und setzen mit unseren Zodiacs hinüber an den Strand – wie ich schon in Grönland gelernt habe, sind die wendigen Schlauchboote mit Außenborder die beste Möglichkeit zum Manövrieren in eisbergdurchsetzten Gewässern.

Angekommen am Vulkanstrand watschelt schon der erste kleine Zügelpinguin vorbei, was für allgemeines Entzücken sorgt. Was für eine schöne Begrüßung!

Zuegelpinguin-Antarktis-Deception-Island

Unsere Wanderung beginnt gleich hier und wir steigen erst einmal auf eine Anhöhe hinter dem Strand hinauf. Von hier geht es auf einem Grat aus Vulkanasche und Vulkangeröll in einem weiten Bogen den Hang hinauf. Die Aussicht ist auch von weiter unten schon atemberaubend und ich muss ständig Aussichts- und Fotopausen einlegen.

Jenseits des Abgrunds, an dem ich entlang wandere, befindet sich ein kleiner Strand und die mit Wasser gefüllte Caldera, in der unser Schiff wie ein winziges, seltsam deplatziertes Spielzeug liegt. Im Inland haben wir soeben zwei hübsche Kraterseen passiert, einer blau, einer grün.

Wunderschöne Ödnis

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Deception-Island-Antarktis-Highlight

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Kratersee-Deception-Island-Antarktis

Expedition-Antarktis-Hurtigruten

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Dampfschwaden steigen an manchen Stellen am Berghang entlang auf und erinnern mich daran, dass wir uns auf einem aktiven Vulkan befinden. 1970 brach er zum letzten Mal aus, bei vorherigen Ausbrüchen 1967 und 1969 wurden zwei Forschungsstationen auf der Insel schwer zerstört. Um uns herum liegt überall grau-schwarz-braune Vulkanasche und fremdartig aussehendes Geröll und Vulkangestein, das uns das Expeditionsteam unterwegs genauer erklärt. Wenn man genau hinschaut, sieht man sogar, wie die Luft am Strand unter uns und über dem Meer an manchen Stellen flimmert: Es sind aus der Tiefe aufsteigende Gase und Wasserdampf!

Ich kann mich nicht daran erinnern, jemals an so einem kuriosen Ort gewesen zu sein. Welch wunderschöne Ödnis. Ich liebe ja sowas.

Antarktis-Wandern-Vulkan-Deception-Island

Antarktis-Kreuzfahrt-Reisebericht

Wandern-Antarktis-Deception-Island-VulkanAufstieg zum kleinen Gipfel, inmitten von Dampfschwaden

Über einen letzten schmalen Grat, an dessen Fuß zahlreiche Dampfschwaden aufsteigen, erreiche ich schließlich den kleinen Gipfel – unser Ziel für heute. Ich setze mich erst mal in die Sonne und schnaufe durch, denn durch den Aufstieg und das schöne Wetter bin ich ins Schwitzen geraten. Es ist schließlich Sommer in der Antarktis, das heißt es hat angenehme, niedrige Plusgrade.

Von hier oben habe ich jedenfalls den Panoramablick über Deception Island, sehe unser Schiff weit unten in der Caldera ankern, sehe die kleinen Kraterseen, den Weg, den ich soeben gelaufen bin, und die hügelige,  Mordor-artige Vulkanlandschaft hinter mir. Eigentlich könnten wir den Orbit schon längst verlassen haben und auf einem ganz anderen Planeten sein. (Haben wir vielleicht auch.) Und das wäre ok so. Es fühlt sich zumindest so an.

Deception-island-Antarktis-Hurtigruten-Ausflug

Wandern-Abenteuer-Antarktis

Als ich nach einem kurzen, flotten Abstieg wieder unten am Strand ankomme, bin ich so gut gelaunt und so weit aufgewärmt, dass ich eine spontane, etwas waghalsige Entscheidung treffe: Ich gehe baden. Einfach so – WEIL ICH ES KANN, und weil das hier und heute vielleicht die einzige und letzte Gelegenheit in meinem Leben dafür ist.

Schon morgens an Bord habe ich vorsorglich einen Bikini unter meine drei bis sechs restlichen Kleidungsschichten gezogen – falls ich mich trauen sollte. Dabei ist hier ein hübscher Vulkanstrand, aus dem es an manchen Stellen auch verdächtig herausdampft, was für ein angenehmes, fast schon warmes Gefühl unter meinen Füßen sorgt. Ein einsamer Zügelpinguin ist auch schon da und beäugt neugierig, was wir da tun.

Antarktis Deception Island Baden

Baden gehen in der Antarktis? Weil man’s kann!

Eisbaden Antarktis“Pic or it didn’t happen.” Danke an Elisa! (Mitte)

Aus unserem Team habe ich mit Arne und Elisa zwei badewillige Mitstreiter gefunden. Ohne zu zögern reißen wir uns die Klamotten vom Leib, denn wenn ich jetzt noch lang überlege, wird mir kalt und der Moment ist vorbei. Wir rennen sofort los ins Wasser. Im Gegensatz zum Strand ist das wirklich eiskalt und ein richtiger Schock. Mein anfängliches Gekreische bleibt mir sofort im Hals stecken, denn in der Kälte bleibt mir mal eben die Luft weg.

Später erfahren wir, dass die Wassertemperatur -1 Grad betrug. Die gute Nachricht: Danach ist einem übrigens schön warm! Die nassen Badesachen hätte ich allerdings nicht unter den Klamotten anlassen sollen.

Als ich auf dem Rückweg zum Schiff im Zodiac sitze, bin ich zwar völlig fertig, aber total geflasht von dem Erlebnis, der Wanderung, dem „Antarctic Plunge“, diesem irren Ort. Und auch jetzt noch, in meiner Erinnerung, war das einer der schönsten Tage, eine der schönsten Wanderungen. Die Insel der Täuschung enttäuscht keinesfalls. Im Gegenteil!

 

Weiterlesen:

Mehr über unseren Ausflug nach Deception Island lest ihr auch bei Melanie von Good Morning World, Elke von Meerblog und Angelika von Reisefreunde.

Hinweis: Ich war mit der MS Midnatsol unterwegs in der Antarktis – auf Einladung von Hurtigruten. Mehr Infos zur Reise findet ihr hier.

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