Sofia: zwischen Ostblock-Charme und Aufbruch

Sie ist keine dieser Städte, die erst im Rückspiegel zu ihrer wahren Größe finden. Doch nach dem ersten Eindruck ist man in der Tat versucht, sie ganz schnell wieder hinter sich zu lassen. Schon aus dem Flugzeug wird klar: Dies ist keine Stadt auf den ersten Blick.

Bröckelnde Wohnsilos, soweit das Auge reicht, an denen man auf löchrigen Straßen vorbeiholpert. Die Februar-Tristesse verstärkt den Eindruck des grau-in-braun zusätzlich noch. Ein Begriff rast mir durch den Kopf: Ostblock. So ähnlich stelle ich mir auch russische Städte vor. Schön ist die Hauptstadt Bulgariens auf den ersten Blick nicht, kein ‘Paris des Ostens’ (warum müssen sich Städte überhaupt immer mit Paris messen??), bei dem man ins Schwärmen gerät. Und dennoch… In diese Stadt muss man sich hineinbegeben.

Ich finde genau das faszinierend. Gleichzeitig bleiben mir dafür nur wenige Stunden in dieser Millionenmetropole, deren Geschichte immerhin bis in die Jungsteinzeit zurückreicht. Und so lassen wir allmählich die grauen Wohnsilo-Viertel im Ostblock-Einheits-Look hinter uns und nähern uns der Innenstadt. Das Bild ändert sich.

Hier trifft auf einmal Protziges aus kommunistischer Zeit auf hübsche klassizistische Gebäude, Zarenstandbilder auf Überreste aus römischer Zeit, eine Moschee auf orthodoxe Kirchen aus dem Mittelalter. Statt Wohnblöcken aus Sowjet-Zeiten entdecke ich Straßenzüge mit Kopfsteinpflaster und Gründerzeit-Häusern – nicht viele, aber es gibt sie. Hier wollen sie bestimmt alle wohnen, die jungen hippen Kreativen von Sofia.

Eine alte Straßenbahn bahnt sich ihren Weg durch schmale, trubelige Einkaufsstraßen, wir überqueren kleine Plätze mit Bäumen, alten runden Zeitungskiosken und Springbrunnen, auf denen Ältere ein Schwätzchen halten und Schach spielen. (Und auf einmal muss ich doch an Paris denken. Aber nur ganz kurz, denn, s.o. …).

Über allem liegt der Charme des bröckelnden Putzes und des Glanzes vergangener Zeiten, und über der Stadt thront Witosha, das schneebedeckte Gebirge direkt vor der Stadt (welche europäische Stadt hat denn bitte einen Hausberg zum Skifahren und Snowboarden direkt vor ihren Toren??).

Auf unserem Streifzug durch die Straßen entdecke ich jede Menge Streetart und Graffiti und mir fällt auf, dass fast alle Stromkästen bunt bemalt sind. In der Tsar Ivan Shishman-Straße mitten im Zentrum finden sich kleine coole Shops und Cafés, ein Teehaus und ein hipper Suppen-Laden, direkt um die Ecke eine alte Kräuter-Apotheke neben einem Tattoo-Studio, ein altes Ehepaar, das auf der Straße Nüsse und Maroni röstet. Ich mag die kleinen Kioske, die sich halb im Keller der Häuser befinden und meist als Liquor Store dienen.

 Mir gefällt, wie sich die Stadt verändert, wie sich die Menschen den urbanen Raum zurückerobern. Besonders gerne erwischt es das umstrittene Denkmal zu Ehren der Sowjetarmee: die Soldatenfiguren wurden schon als Comicfiguren bemalt, trugen Guy Fawkes-Masken oder Kopftücher aus Protest gegen die Verhaftung von Pussy Riot oder wurden pink angesprüht zum Jahrestag des Einmarschs der Truppen gegen den Prager Frühling (“Bulgarien entschuldigt sich”). Gerade gehört der Platz den Skateboardern und Graffiti Artists.

Ich habe das Glück, mit jungen Einheimischen unterwegs zu sein. Auf unserem Weg durch die Straßen ihrer Stadt erzählen sie von gemütlichen Cafés und spannenden Bars, vom Studentenviertel, jungen Künstlern, abgefahrenen Restaurants und Events, aber auch von Korruption und Oligarchen, von Geldwäsche und der ‘Mafia’, von wirtschaftlichen Schwierigkeiten und erfolglosen Studentenprotesten.

Diese Stadt ist nicht einfach, und sie macht es ihren Bewohnern und Besuchern offensichtlich nicht einfach. Sofia hat viele Gesichter und ich habe nur ein paar wenige im Vorbeigehen gestreift. Momentaufnahmen. Mit dem Gefühl, dass ich wiederkommen muss, fliege ich weiter nach Berlin, zu neuen Abenteuern und Erkundungen.

Danke an Bulgarien Tourismus für die Einladung nach Bulgarien. Alle Ansichten sind meine eigenen.

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